Wirtschaft : Der tiefe Fall des Vorzeige-Unternehmers Reiner Pilz

ANDREAS HOFFMANN

Nach dem Absturz: In einer neuen Serie stellt der Tagesspiegel gescheiterte Spitzen der Wirtschaft und ehemalige Topmanager vor und sagt, was heute aus ihnen geworden ist.

Da saß er nun im Gerichtssaal.Die Hände gefaltet, den Schnurrbart keck nach oben gerichtet, trotzte er den Fotografen.Noch einmal stand Reiner E.Pilz im Mittelpunkt - nur diesmal mit Negativ-Schlagzeilen.Sechs Jahre Haft wegen Betrugs verhängte das Landgericht Landshut über den CD-Fabrikanten.Der ehemalige Vorzeige-Unternehmer hat durch "ruinöses Gewinnstreben" den Zusammenbruch seines Thüringer CD-Werks und seines Stammunternehmens in Kranzberg bei Freising verursacht.Nach knapp 16 Monaten Verhandlung steht jetzt fest, daß Pilz die Banken und die Treuhand in 28 Fällen um über 10,5 Mill.DM geprellt hat.Einen 22-Millionen-DM-Kredit für ein Hochregallager verwendete er teils, um sein Privatschloß für 5,7 Mill.DM zu sanieren.Für eine Fabrik in den USA ließ er sich Darlehen über 12,2 Mill.DM auszahlen, doch die Baukosten lagen höchstens bei 7,7 Mill.DM, ermittelte das Gericht.Der Rest versickerte.Die Treuhand pumpte Millionenbeträge in das ehemalige DDR-Kombinat Robotron, um dort Arbeitsplätze zu retten.Das Geld landete stattdessen über undurchsichtige Kanäle in der angeschlagenen Pilzgruppe.

Was mag angesichts des Urteils in Pilz vorgegangen sein.Reue, Buße? Kaum.Später sagte er, das Urteil sei "ungerecht", kündigte Revision und eine Klage gegen das Land Thüringen an.Pilz, ganz der Kämpfer.Gegen Banken und das Land Thüringen, die ihn vorsätzlich in den Konkurs getrieben hätten.Da schwingt viel Selbstgewißheit mit.Wahrscheinlich hat Pilz seinen Abstieg vom Polit-Liebling noch nicht verkraftet.Der gebürtige Sachse, der als 19jähriger 1961 mit einem Koffer im Westen ankam und sich über ein Ingenieurstudium zum Spezialisten für prunkvolle Fassaden hocharbeitete.Dem umtriebigen Bauunternehmer reichte das nicht, und so stieg er 1988 als Außenseiter in das neue Geschäft mit den Compact Discs sein.Er errichtete eine vollautomatische Produktionsanlage und bald ließen Riesen wie Bertelsmann und Emi bei ihm CDs pressen.Zum Höhenflug setzte Pilz in der wilden Wendezeit an.Bereits im Dezember 1989 vereinbarte er mit dem DDR-Vorzeigekombinat Robotron, ein gemeinsames Unternehmen zu gründen.Als er das Abkommen unterzeichnete, war sogar Helmut Kohl anwesend; fortan galt das 300-Millionen-DM teure CD-Presswerk im thüringischen Albrecht als Musterfall für den Neuaufbau in den neuen Ländern.Und Pilz wurde Medienstar.Auf seiner Baustelle im Osten tummelten sich die Politpromis, wie der damalige Wirtschaftsminister Jürgen Möllemann und Ex-Umweltminister Klaus Töpfer.Im Mai 1993 schwebte Forschungsminister Matthias Wissmann per Hubschrauber zur Eröffnung der CD-Fabrik ein.Bei soviel politischem Rückenwind standen die Geldquellen offen.Das Land Bayern half mit einer Ausfallbürgschaft, um einen Teil des Pilz-Projekts abzusichern, und auch die Treuhand sprang ein.Es half nichts.Pilz hatte zu hoch gespielt.Die Märkte in Osteuropa brachen weg, und der CD-ROM-Markt, auf den er gesetzt hatte, entwickelte sich nur schleppend.Dazu kamen hausgemachte Probleme im thüringischen Werk.Inzwischen drückten Pilz die hohen Zinsen auf seine Kredite.Mitte 1994 kaufte das Land Thüringen die Fabrik in Albrecht und konnte so die 400 Arbeitsplätze retten.Im Juli 1995 ging das CD-Stammwerk im oberbayrischen Kranzberg - trotz weiterer staatlicher Finanzspritzen - in Konkurs.Heute knattern dort die Go-Karts.

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