Wirtschaft : Der Tod ist nicht umsonst

Tewe Pannier

Irgendwann hatte irgendjemand eine gute Idee. Statt den Bruder deines Nachbarn aus Vergeltung zu töten, soll der dir doch lieber zwei Kamele, eine Ziege und ein goldbesticktes Gewand schenken. Das Töten hieß Blutrache. Die guten Gaben heißen Blutgeld, und das ist bis heute in den Ländern am Golf üblich. Schecks an die Hinterbliebenen ersetzen die Kamele, Gesetze regeln die Geschäfte um den Tod.

Badr ist Anwalt in den Emiraten. Er berät Scheichs und gelegentlich auch Schurken. Beim Mittagessen besprechen wir den geplatzten Scheck eines Kunden. Badr schmaucht zum Nachtisch an der Wasserpfeife, ich frage nach dem Thema Blutgeld. Badr, Palästinenser mit kuwaitischem Pass, hat islamisches, angelsächsisches und internationales Recht studiert. Er schaut mich durch seine intellektuell- randlose Brille an und antwortet sachlich. „Gäbe es das Blutgeld nicht – Arabien wäre entvölkert. Es ging ja immer hin und her: Du tötest meinen Bruder, ich töte zur Rache dich. Dein Cousin mich. Dessen Onkel dafür meinen Enkel...“

Badr verschwindet in einer Rauchwolke, die nach Apfeltabak riecht. „Das Blutgeld hat den Kreislauf gebrochen. Wird heute einer zum Tode oder zu langer Haft wegen Totschlags oder Mordes in einem minder schweren Fall verurteilt, entscheiden die Angehörigen des Opfers: Entweder der Staat übt die Rache, oder der Täter kauft sich von aller Schuld frei. Der Preis ist Verhandlungssache und sofort zahlbar. Nach der Zahlung kommt der Täter frei.“

Und das Todesgeld? Ich erwähne die Notiz im Lokalteil einer Dubaier Zeitung über den Mann, der vier pakistanische Arbeiter auf einen Schlag überfahren hat und für jeden zahlen musste. Badr winkt ab. „Das ist wie Schadenersatz, regelt die Versicherung und ist zum Beispiel in England ganz ähnlich. Der Unterschied zu hier: Wenn ich dich tot fahre, kostet es mich halb so viel, als würdest du mich tot fahren.“ Meinen fragenden Blick erwidert er mit einer juristisch korrekten, aber makaberen Pointe: „Hier kosten Christen und Frauen die Hälfte.“

Der Autor (45) betreibt eine Medienfirma in Dubai und lebt abwechselnd dort und in Berlin.

ein Geschäftsmann

aus Berlin, erzählt von Arabien

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