Wirtschaft : Der Trainer versteckt sich in Tora Bora

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Von Andrea Nüsse

Amman. Eigentlich ist Jordanien der ideale Ort, um die Fussball-Weltmeisterschaft zu verfolgen. Im staatlichen Fernsehen werden brav alle Spiele live übertragen. Und wenn das Bild mal flimmert, schaltet man eben auf das syrische Fernsehen um. Der Kommentator ist sowieso der gleiche. Wenigstens da funktioniert die Kooperation zwischen den sonst zerstrittenen arabischen Staaten.

Das einzige kleine Problem war, dass alle Besitzer hochmoderner Satellitenanlagen eine Verbindung zur bescheidenen terrestrischen Antenne ihres Hausmeisters oder Nachbarn ziehen mussten. In keinem der Satellitensender, von denen es Hunderte gibt, ist Fußball zu sehen. Wenn zum Beispiel die ARD mal ein Spiel übertragen darf, ist im Ausland während der 90 Minuten nur ein grüner Bildschirm zu sehen, auf dem in weißer Schrift erklärt wird, dass aus rechtlichen Gründen auch dieses Spiel nicht auf dem Satelliten übertragen werden darf.

Ein anderer Vorteil am Standort Amman ist, dass die Berichterstattung frei von allen nationalistischen Untertönen und Ausrutschern ist. Nicht weil die Menschen hier so viel weltoffener sind als etwa in Frankreich oder Deutschland, sondern weil außer Saudi-Arabien kein arabisches Land teilnimmt (oder teilnahm). Aufgeregt sind die Kommentatoren dennoch, sie schreien emotional „momtaz, momtaz, momtaz“ (hervorragend) oder „gamil, gamil, gamil“ (schön) bei hochkarätigen Torchancen. In der Halbzeit zeigt das jordanische TV gnadenlos eine lokale Soap-Opera, in der Beduinenmädchen Tränen um einen gerade in die Wüste aufgebrochenen Krieger weinen. Irgendwie auch sympathisch.

Etwas mehr Fußballbegeisterung ist im Libanon zu spüren: Zwar hat das Land auch kein eigenes Team, dem man zu Füßen liegen könnte. Dennoch haben hier viele eine uneingeschränkte Lieblingsmannschaft gefunden: Die aufgetakelten libanesischen Mädchen und Frauen sind fast alle für Italien. Weil die Spieler so schön sind und außerhalb des Fußballfeldes so elegante Anzüge tragen. Das kommt im Mode besessenen Libanon an. Libanons Männer dagegen setzen auf Deutschland, vielleicht weil so viele Mercedes fahren. So sind dieser Tage teilweise zwei Wimpel an Autos in Beirut zu sehen: ein italienischer und ein deutscher.

Natürlich erfährt man in der lokalen Presse wenig über die inneren Regungen eines Herrn Klose oder Herrn Völler. Das wird aber wettgemacht durch exklusive Berichte der anderen Art: Jordanien feiert Awni Hassouneh, den jordanischen Linienrichter, der als einer von zehn arabischen Schiedsrichtern bei der WM dabei ist. Hassouneh hofft vor allem, das Prestige seines Berufsstandes in der Heimat aufzubessern. Er beschwert sich darüber, dass viele Fußballer in Jordanien die Entscheidungen eines Schiedsrichters nicht respektieren und auch schon mal mit Fäusten auf die Unparteiiischen losgehen. Als arabischer Held würde wohl auch noch Schiedsrichter Ali Bujsaim taugen, der sich von Claudio Caniggia nicht ungestraft als „Hurensohn“ beleidigen ließ, sondern den Argentinier mit großer Geste von der Ersatzbank auf die Tribüne verbannte.

Und natürlich wird das Schicksal der saudischen Mannschaft aufgearbeitet. Die saudische staatliche Nachrichtenagentur konstatierte in eleganter Untertreibung, dass „das nationale Team kein Niveau erreicht hat, das dem Ruhm des saudischen Fußballs angemessen ist". In der saudischen Bevölkerung machen dagegen eher Witze die Runde, gemünzt auf die 0:8-Niederlage gegen Deutschland: „Sag mir einen deutschen Spieler, der kein Tor gegen Saudi-Arabien geschossen hat“, lautet eine der Fragen. In dem Land der Luxusautos sei der Import von deutschen Acht-Zylinder-Wagen verboten worden, wird woanders verbreitet. Fast schon gefährlich politisch wird es bei der Frage nach dem Schicksal von Trainer Nasser Al Johar: „Johar versteckt sich in Tora Bora“, heißt es in Anspielung auf die Festung in den afghanischen Bergen, in der Osama Bin Laden eine Zeit lang Unterschlupf gefunden haben soll.

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