Wirtschaft : Der Transrapid steht auf der Kippe

BERLIN (chi).Der Transrapid kommt ins Wanken.Interne Berechnungen der Deutschen Bahn haben nach Informationen des Tagesspiegels ergeben, daß die prognostizierten Passagierzahlen um 28 Prozent nach unten korrigiert werden müssen.Ein Sprecher der Bahn wollte dies am Freitag weder bestätigen noch dementieren.Die Überprüfung des Transrapid-Projektes sei noch nicht abgeschlossen.Mitglieder der Gewerkschaft und des Aufsichtsrates reagierten unterdessen empört: Sollten sich die Informationen bestätigen, müsse sich die Bahn "sofort" von dem Projekt verabschieden.

Sowohl Norbert Hansen, der designierte Vorsitzende der Gewerkschaft der Eisenbahner, als auch Albert Schmidt, Aufsichtsratsmitglied der Deutschen Bahn AG und verkehrspolitischer Sprecher von Bündnis 90/Die Grünen, bestätigten am Freitag auf Anfrage, daß entsprechende Informationen in Kreisen des Unternehmens kursierten.Beide forderten unabhängig voneinander eine "ungeschönte Aufklärung" vom Vorstand der DB AG.Denn für die Bahn, die den Magnetschnellzug betreiben soll, wäre das Risiko bei deutlich geringeren Passagierzahlen enorm: Mit den Fahrkartenerlösen muß sie nicht nur ihre eigenen Betriebskosten abdecken, sondern darüber hinaus den Herstellern und dem Bund ein garantiertes Nutzungsentgelt zahlen.Für Mindereinnahmen - etwa durch ein geringeres Passagieraufkommen - haftet allein das Schienenunternehmen.In dem im Frühjahr 1997 vereinbarten "Eckpunktepapier", das die Verantwortung der einzelnen Partner vertraglich festlegt, heißt es explizit: "Sollten die Einnahmen die Werte nicht erreichen, so übernimmt den Differenzbetrag die DB AG."

Für den designierten Gewerkschaftschef Norbert Hansen wäre eine Korrektur der Fahrgastprognosen Grund genug für einen sofortigen Ausstieg der Bahn aus dem Vertrag."Sollten sich diese neuen Schätzungen auch nur annähernd bestätigen, ist dem Vertrag die Geschäftsgrundlage entzogen", sagte er am Freitag.Die Bahn dürfe dieses Risiko nicht eingehen - zumal inzwischen kaum noch dementiert wird, daß der Bau der Strecke teurer wird als geplant.

Bahnsprecher Stephan Heimbach wollte neue Zahlen unterdessen weder bestätigen noch dementieren.Alle Berechnungen für das Projekt stünden derzeit auf dem Prüfstand."Für endgültige Schlußfolgerungen ist es noch zu früh", sagte Heimbach.Bei der Bewertung spielten schließlich mehrere Kriterien eine Rolle.Neue Erkenntnisse, die die Wirtschaftlichkeit insgesamt in Frage stellten, habe er nicht.Auch der Sprecher der mit den Planungen für den Streckenbau beauftragten Magnetbahn-Planungsgesellschaft (MPG), Peter Jablonski, wies die Spekulationen zurück."Ich kenne keine neuen Berechnungen", sagte er.Die bisher geltende Prognose, die von 11,4 bis 15,2 Millionen Passagieren jährlich ausgeht, beruhe auf "verifizierten Berechnungen seriöser Institute", die die Bundesregierung in Auftrag gegeben hatte."Wir operieren nicht mit konstruierten Zahlen", sagte Jablonski.

Zweifel an den Fahrgastprognosen hatte es von Anfang an gegeben.Die Beteiligten selbst hatten ihre ersten Angaben, nach heftiger Kritik des Bundesrechnungshofes und anderer Experten, im Eckpunktepapier nach unten korrigiert.Verstummt ist die Kritik dennoch nicht.Martin Schlegel, Transrapid-Experte des BUND, verweist auf die aktuellen Verkehrszahlen zwischen Hamburg und Berlin.Demnach habe die Bahn auf dieser Strecke 1997 rund zwei Millionen Passagiere gezählt, das Flugzeug nahmen 138 000 Menschen, mit dem Auto fuhren diesen Angaben zufolge 4,2 Millionen.

Schon 1997 hatte der BUND auch auf weitere "Pferdefüße" in der Transrapid-Kalkulation hingewiesen.Während die Erlöse hier auf mindestens 700 Mill.DM geschätzt wurden, ginge die Bahn von mindestens 790 Mill.DM aus - von einer Kalkulation "am unteren Rand" könne also keine Rede sein.Zudem verschweige der DB-Vorstand jährliche Einnahmen-Ausfälle von etwa 450 Mill.DM aus dem Wegfall des IC-Verkehrs, der auf dieser Strecke eingestellt werden soll.

Für den verkehrspolitischen Sprecher von Bündnis 90/Die Grünen im Bundestag, Albert Schmidt, sind die aktuellen Spekulationen über Fahrgastzahlen nur eine weitere Facette.Ohnedies, so Schmidt, "deutet alles darauf hin, daß es nur noch darum geht, wer den schwarzen Peter für das Scheitern des Projekts erhält".

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