Wirtschaft : Der unbekannte Präsident

Carsten Brönstrup

Ich bin kein Parteimitglied, ich bin unabhängig.“ Mit diesen Worten dürfte Axel A. Weber am Mittwoch die beiden wichtigsten Eigenschaften genannt haben, dank derer er nun an die Spitze der Deutschen Bundesbank berufen wird. Vor Weber waren Kandidaten im Gespräch, die als Gewährsleute der Bundesregierung galten – und deshalb bei der Opposition und bei Wirtschaftsexperten durchfielen. Weber indes ist bislang kaum durch eine parteipolitische Neigung aufgefallen – auf der Rechnung als Nachfolger des Party-Präsidenten Ernst Welteke hatte ihn freilich niemand.

Dabei gilt der erst 47-jährige Kölner Wirtschaftsprofessor als einer der renommiertesten Geldfachleute des Landes. Der gebürtige Pfälzer absolvierte eine klassische Forscher-Karriere und lehrte an den angesehenen Universitäten Bonn, Frankfurt (Main) und Köln sowie an mehreren Instituten im Ausland. Daher verfüge er auch international über erstklassige Kontakte, bescheinigt ihm ein Kollege. Stärker ins Licht der Öffentlichkeit rückte Weber erst 2002, als ihn die Bundesregierung in den Wirtschafts-Sachverständigenrat berief, also in den Kreis der so genannten „Fünf Weisen“. In diesem Gremium hat sich Weber zwar weniger hervorgetan als etwa sein Kollege Bert Rürup, der sich oft und gern zur Zukunft der Sozialsysteme äußert. Das bedeutet aber nicht, dass er der Bundesregierung nach dem Mund redet: Die rot-grüne Finanzpolitik sei „langfristig nicht tragfähig“, schrieb er etwa zusammen mit den vier übrigen „Weisen“ in die letzte Expertise vom vergangenen November, die Regierung müsse dringend mehr sparen und radikaler reformieren.

In der Fachwelt gilt Weber als hervorragender Analytiker. Er sei „von großer intellektueller Brillanz“, sagt ein Kölner Professorenkollege über ihn. Er wisse präzise zu argumentieren und werde Deutschland im Rat der Europäischen Zentralbank „souverän vertreten“, wenn es um die Geldpolitik und die Leitzinsen gehe. Weber ist aber auch als Mensch beliebt – ein Kollege aus dem Sachverständigenrat nennt den verheirateten, zweifachen Vater „außerordentlich liebenswert und hilfsbereit“.

In seinem neuen Amt sind aber noch andere Qualifikationen gefragt. Die Bundesbank, jahrelang als Hüterin der D-Mark eine der angesehensten Institutionen des Landes, hat seit der Euro-Einführung stark an Einfluss verloren und gilt mit 14500 Beschäftigten als hoffnungslos überbesetzt. „Weber hat aber bislang kaum Erfahrung als Verwaltungsexperte – das ist sein großes Manko“, sagt ein naher Mitarbeiter über ihn. „Doch er wird mit seinen Aufgaben wachsen.“ Einen langen Atem wird Weber also auf jeden Fall brauchen. Den scheint er mitzubringen: Er entspanne sich gerne beim Joggen, sagte er am Mittwoch – und habe sogar schon einmal den Kölner Marathon bewältigt.

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