Wirtschaft : Der vermessene Mann

Bei den Maßkonfektionären gibt es zu günstigen Preisen gut sitzende Anzüge – die man sich selbst zusammenstellt

NAME

Von Flora Wisdorff

X-Beine, O-beine, Gesäßweite, Hängeschulter, Oberweite – beim Ausmessen wird nichts ausgelassen. Wer beim Maßkonfektionär Dolzer in der Kabine steht, muss ein gesundes Selbstbewusstsein haben. Denn schielt man auf den Computer, in den der Dolzer-Angestellte jede Abnormalität und Problemzone des Körpers bis auf den Zentimeter genau eingibt, könnte man sich selbst schnell für eine einzige riesige Problemzone halten. „Natürlich führen wir während des Maßnehmens ein intensives Gespräch mit dem Kunden – er sollte nicht unbedingt mitkriegen, was genau wir eintippen“, sagt Oliver Ostmeier, Leiter der Berliner Dolzer-Filiale in Tiergarten.

Anscheinend funktioniert das – oder die Kunden nehmen die unkaschierte Wahrheit über ihre Körpermaße gerne in Kauf, um sie mit einem zugeschnittenen Anzug besser kaschieren zu können. Denn die Umsätze des Maßkonfektionärs steigen zweistellig, die Kundenzahl nimmt stetig zu. „Wir profitieren vom Megatrend zum Individualismus, der sich auch auf den Kleidungsstil auswirkt“, sagt Thomas Selkirk, Geschäftsführer des bayerischen Unternehmens, dass der Unternehmensberater vor sieben Jahren übernommen hat. Schließlich kann sich der Kunde seinen Anzug selbst zusammenstellen. Aber was noch viel wichtiger ist: Dolzer, wie auch seine Konkurrenten Kuhn-Kleidung oder Cut for You bieten Anzüge nach Maß zu Preisen, die vom Niveau des Anzugs von der Stange nicht allzu weit entfernt sind. Selbst C&A bietet den Kunden inzwischen diesen Service.

Billiger als ein richtiger Maßschneider können sie sein, weil sie die Stoffe en gros kaufen. Schließlich hat Dolzer allein in Berlin 7500 Kunden im Jahr. Weitere Filialen gibt es in Köln, Frankfurt, Hamburg, Stuttgart und am Stammsitz im Schneeberg in Bayern. Billiger sind die Maßkonfektionäre auch, weil der Anzug zwar angepasst ist, aber nicht ganz so individuell wie beim richtigen Maßschneider. Beim Maßkonfektionär wählt man einen vorgefertigten Schnitt, der dann an die eigenen Körpermaße angepasst wird. Die Daten werden per Computer an den Produktionsstandort übertragen. Dort wird der Stoff maschinell ausgeschnitten und schließlich zum Anzug vernäht. Beim Maßschneider dagegen bekommt man ein ein „Unikat, das völlig handgefertigt ist“, sagt Volkmar Arnulf, der eine Maßschneiderei auf dem Kurfürstendamm betreibt. Bei ihm kostet ein Anzug ab 2500 Euro aufwärts. Aber für all diejenigen, die sich solche Preise nicht leisten können, bieten die Maßkonfektionäre eine gute Alternative.

Der Preis hängt vom Stoff ab: je hochwertiger, desto teurer. Bei Dolzer fängt das bei 149 Euro für einen zweiteiligen Anzug an – und geht bis zu über 600 Euro, wenn man sich für einen hochwertigen Markenstoff wie zum Beispiel den englische Reid and Taylor oder den italienischen Zegna entscheidet. Das Geheimnis liegt in den Fasern, erklärt Dolzer-Chef Selkirk: je länger die Faser, desto besser der Stoff. Er trägt sich angenehmer und knittert kaum noch. „Die Schafe für die besten Stoffe tragen sogar Jäckchen, damit ihre Haare nicht abreißen und die Fasern so besonders lang werden“, erklärt Selkirk. Gemessen wird die Qualität des Stoffes in Zahlen: ein „Super 100“-Stoff ist relativ preiswert, ein 150iger gehört schon zur absoluten Luxusklasse.

Bei C&A kostet der billigste Maßanzug 359 Euro. Bei Cut for you in Berlin-Mitte reicht die Preisspanne von 600 bis 1000 Euro. Mientus und Zegna, die nur mit Luxusstoffen arbeiten und in Italien per Hand fertigen lassen, sind eine Preisklasse höher: ab 1800 beziehungsweise 1250 Euro bekommt man einen Zegna- oder Brioni-Anzug nach Maß. Die Lieferzeiten betragen überall zwischen vier und sechs Wochen.

Beim Stoff hört die Qual der Wahl aber nicht auf. Zweireiher oder Einreiher, Taschenart und Größe, Büffelknöpfe oder Standardknöpfe, Farbe des Futters, durchgeknöpfte Ärmel – alles unterliegt dem eigenen Geschmack. Auch bei den Hemden, die es bei Dolzer einheitlich für 50 Euro gibt, muss man sich zwischen fünf Kragenarten entscheiden.

Gerade wegen der großen Auswahl sind die Kunden der Maßkonfektionäre keinesfalls nur Riesen oder Zwerge. „Die richtigen Problemfälle machen nur etwa zehn Prozent unserer Kundschaft aus“, sagt Ostmeier. Die meisten wollen einfach individuell Einfluß nehmen, sagt er. Trotzdem: „Jeder hat irgendwo eine kleine Problemzone.“

Wer allerdings so wenig wie möglich von seinen Problemzonen mitbekommen will, kann sich bei Cut for you unter den 3D-Scanner stellen. Der erfasst alle nötigen Daten im Nu, ohne dass man etwas mitbekommt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben