Wirtschaft : Der Warenkorb steht unter Generalverdacht

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Für die meisten Verbraucher ist die Sache klar: Die Euro-Einführung hat für einen enormen Preisschub gesorgt. Nur, dass die offizielle Inflationsrate das nicht widerspiegelt. Deshalb bezweifeln nun viele Verbraucher, dass der Warenkorb, mit dem das Statistische Bundesamt die Inflation misst, richtig zusammengesetzt ist. Die „gefühlte Inflation“, das neue Lieblingswort der Verbraucherministerin, ist höher als die offiziell ausgewiesene.

Im Warenkorb befinden sich 750 Produkte und Dienstleistungen, die in einem Durchschnittshaushalt konsumiert werden. Dazu gehören Reis, Brot, Butter und Gemüse. Aber auch Kühlschränke, Gartenschirme, die Miete und sogar die Ausgaben für einen Kneipenbesuch. Der Inhalt des Warenkorbs wird gewichtet: Das heißt, dass der Preis für den Kühlschrank, den man ja nicht jeden Monat kauft, im Warenkorb eine geringere Rolle spielt als für Butter, die der Durchschnittshaushalt jede Woche kauft.

Deshalb ist es in vielen Fällen auch nicht richtig, wenn man heute das Gefühl hat, dass die Preise besonders stark gestiegen sind. Wer abends öfter mal auf ein Bierchen in die Kneipe geht, bei dem machen sich die Preissteigerungen in der Gastronomie (plus 4,3 Prozent im April im Vergleich zum Vorjahr) deutlich bemerkbar. Wer sein Feierabendbier zu Hause auf dem Sofa trinkt, ist besser dran: Flaschenbier wurde nur um 0,8 Prozent teurer. Einem Nichtraucher ist es egal, dass Tabak um 15 Prozent teurer geworden ist, während ein Vegetarier sich nicht über die Preissenkung bei Schweinekoteletts (minus 5,7 Prozent) freuen kann.

Es gab auch Preissenkungen. Billiger geworden sind vor allem Elektrogeräte. Ein Kühlschrank ist um 2,3 Prozent billiger als vor einem Jahr, die Preise für Tintenstrahldrucker gingen sogar um 17,2 Prozent zurück und auch PCs (minus 16 Prozent) könnte man jetzt kaufen, um seinen Preis-Gefühls-Haushalt zu sanieren.

Bei den Dienstleistungen, die im Augenblick unter dem Generalverdacht der Preistreiberei stehen, kommt es ganz darauf an, was man gerade braucht. Der Frisörbesuch (plus 4,5 Prozent) oder die Fahrt mit dem Taxi (plus 4,5 Prozent) haben sich verteuert. Eine Putzfrau dagegen kriegt man heute ein bisschen billiger als vor einem Jahr, sagen die Statistiker.

Weil man für einen Frisör natürlich nicht in eine andere Stadt fährt, sind Preiserhöhungen für den Figaro vergleichsweise ungefährlich. Genau so, wie ein Aufschlag auf die Zigarettenpackung oder auf den Benzinpreis. Diese Produkte und Dienstleistungen nennen Volkswirte wenig preiselastisch. Das heißt, es dauert ziemlich lange, bis man seine Haare zu Hause selbst schneidet oder das Rauchen aufgibt, weil man sich über den Preis ärgert. Aber man ärgert sich trotzdem.

Unter dem Zorn des Verbrauchers leiden vor allem die Produkte, die sehr preiselastisch sind und deren Anschaffung man locker streichen oder verschieben kann: Markenjeans zum Beispiel, ein Computer mit besserer Leistung oder ein neuer Badezimmerspiegel. Die werden jetzt einfach nicht gekauft. Und die anderen Produkte? Die werden gekauft - und sorgen für das Gefühl, abgezockt zu werden.Melanie Hinter

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