Der Weg der Waren um die Welt : Ganz globaler Wahnsinn

Seit 1950 hat sich der internationale Warenaustausch mehr als verdreißigfacht. Dabei legen Produkte und Rohstoffe viele Kilometer zurück, damit wir sie günstig einkaufen können.

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LAPTOPS. Die Bestandteile eines Laptops, das in Deutschland verkauft wird, kommen aus der ganzen Welt. Der Großteil von ihnen wird in Fernost gefertigt. Entwickelt werden die Laptops etwa von Dell in Austin/Texas und Taiwan. Das Kupfer, das für Kabel und Computer-Chips benötigt wird, kommt aus Chile. Kobalt, Kupfer und Nickel werden in der Republik Kongo gewonnen. Das Gold, das beispielsweise in Mikroprozessoren und Speicherkarten eingeht, stammt überwiegend aus China. Rund neun Prozent des weltweiten Goldvorkommens werden in elektronischen Geräten verarbeitet. Aus China wird auch das Plastik geliefert für das Gehäuse. Die Displays lässt Dell in Korea oder Taiwan fertigen, den Arbeitsspeicher in Korea. In China werden Ladegeräte, das Gehäuse und die Akkus hergestellt. Auch die Hauptplatine, das Motherboard, kommt meist aus China oder aus Taiwan. Die Einzelteile werden dann per Schiff oder Lastwagen, selten per Flugzeug, nach Lodz in Polen gebracht. Dort schließlich werden die Laptops für Europa zusammengebaut. (jba)Alle Bilder anzeigen
Alle Grafiken: Fabian Bartel
04.09.2011 13:02LAPTOPS. Die Bestandteile eines Laptops, das in Deutschland verkauft wird, kommen aus der ganzen Welt. Der Großteil von ihnen wird...

Die Krabben, die in Oldenburg im Kühlregal liegen, wurden vor der friesischen Küste gefangen. Aber sie wurden in Marokko gepult. Die Verpackung kommt aus Polen. Das Billy-Regal von Ikea wird in der Prignitz in Brandenburg gefertigt, doch bevor es die Berliner in Spandau kaufen können, wird es ins Zentrallager nach Dortmund gefahren. Klingt absurd? Das ist globaler Handel.

Die Konsumenten im reichen Westen profitieren täglich davon: Nicht nur, dass Luxusgüter wie Kaffee dank regen Schiffsverkehrs täglich verfügbar sind. Auch das modische T-Shirt wäre ohne Komponenten aus Ländern, die die meisten nie bereist haben, nicht in Billig-Ketten für ein paar Euro zu kaufen. Der Kaffee ist die eine Sache, er wächst nun einmal schlecht in Norddeutschland. Das Nähen ist aus der Mode gekommen, es andernorts einfach billiger erledigt wird. Weil deutsche Verbraucher jeden Cent umdrehen, versuchen auch Hersteller und Handelskonzerne zu sparen, wo es nur geht.

Seit 1950 hat sich der internationale Warenaustausch mehr als verdreißigfacht. Durch Containerschiffe mit der Länger von vier Fußballfeldern fallen Transportkosten nicht mehr ins Gewicht. Nicht, wenn man sie den hohen Löhnen in den Industriestaaten gegenüberstellt, den Energiepreisen und Pflichtabgaben. Also werden Produktionsschritte ausgelagert, dorthin, wo es weniger Normen und Vorschriften gibt und Arbeit billig ist. In Länder wie Taiwan oder China.

„Nur aufwendig konstruierte oder veredelte Waren werden heute noch in deutschen Fabriken hergestellt“, heißt es beim Münchner Ifo-Institut. „Basar-Ökonomie“ nennt dessen Chef Hans-Werner Sinn das Prinzip: Überall werden die jeweils billigsten Zutaten eingekauft. Manchmal ist es nur der letzte, kleine Produktionsschritt, der in Deutschland erfolgt, um am Ende das Etikett „Made in Germany“ zu rechtfertigen. Eine Jeans etwa, die in München verkauft wird, hat so bereits 50 000 Kilometer hinter sich.

„Für das Klima sind die Tausenden von unnötigen Transportkilometern ein Wahnsinn“, sagt Marco Klemmt vom Verein Germanwatch, der sich für eine umweltverträgliche globale Entwicklung einsetzt. Die Logistik sorgt dafür, dass tausende Tonnen Öl verbraucht, Millionen Tonnen Abgase in die Luft gepustet werden. Zwar haben die Importtomaten aus Spanien die bessere Ökobilanz, denn für ihren Anbau braucht man kein beheiztes Gewächshaus. Für ein Schnitzel hingegen werden Futtermittel aus Lateinamerika nach Deutschland gekarrt, obwohl die hiesigen Rinder ebenso gut deutsches Getreide fressen könnten. Und die weniger beliebten Fleischteile, die der wählerische Deutsche verschmäht, sind bereits wieder auf dem Exportweg nach Westafrika.

„Mindestens genauso kritisch zu beurteilen ist die soziale Bilanz“, sagt Anton Pieper von der Ernährungsorganisation Fian. „Die Länder produzieren nicht für den eigenen Markt, auf dem es plötzlich an den Rohstoffen mangelt, die rundherum wachsen. Und in den Fabriken großer Konzerne arbeiten Menschen teils unter prekären Arbeitsbedingungen. Häufig macht der Lohn weniger als ein Prozent am T-Shirt-Preis aus.“ Für die Näherinnen ist es deshalb ein Luxus, wenn sie sich auf dem Second-Hand-Markt ihres Dorfes ein Kleidungsstück leisten können, das ein Europäer aussortiert hat, weil es aus der Mode ist. Vielleicht haben sie selbst es produziert.

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