Wirtschaft : „Der Welt fehlt eine Konjunkturlokomotive“ Siemens spürt die Flaute, hält an Zielen aber fest

Axel Höpner[Hans-Jürgen Jakobs (HB)]

München - Scharf war die Kritik, die Siemens-Chef Peter Löscher zuletzt einstecken musste. Die Verzögerung beim Stromanschluss der Offshore-Windparks kosteten den Konzern 600 Millionen Euro. Auch die Lieferung der neuen ICE- Züge an die Deutsche Bahn gelang nicht rechtzeitig. Kostenpunkt: rund 100 Millionen Euro. Im Vergleich zu seinem ärgsten Konkurrenten arbeiten die Münchner wesentlich unrentabler: Während der US-amerikanische Mischkonzern General Electric 2012 eine Umsatzrendite von mehr als zehn Prozent erwirtschaftete, kam Siemens netto auf 5,69 Prozent.

Die Spekulationen um Aufsichtsratschef Gerhard Cromme, der Ende März als Chefkontrolleur bei Thyssen-Krupp ausgeschieden ist, schwächten Löscher zusätzlich. Schließlich war es Cromme, der den Österreicher im Mai 2007 zu Siemens geholt hatte.

Im Gespräch mit dem „Handelsblatt“ setzt sich Löscher nun gegen seine Kritiker zur Wehr. Er fürchte „in keiner Weise“ um seinen Job, sagte Löscher. Unter seiner Führung habe Siemens in den vergangenen beiden Jahren die besten Ergebnisse der Konzerngeschichte erzielt.

Ein Grund für die Kritik von außen ist, dass Siemens im vergangenen Jahr die ursprüngliche Gewinnprognose von sechs Milliarden Euro verfehlt hatte und nur 5,2 Milliarden Euro verdiente. Daher ist es für Löscher wichtig, in diesem Jahr die Erwartungen zu erfüllen. Doch die Vorzeichen stehen nicht günstig. „Der Welt fehlt derzeit eine Konjunkturlokomotive“, sagte Löscher. „Das merken auch wir.“ In der letzten Krise hätten China und auch die meisten anderen Schwellenländer ein hohes Wachstumstempo gehabt. Mittelfristig sei er auch weiterhin absolut positiv für China gestimmt, aber kurzfristig sei ein Stimulus nicht zu erwarten, sagte Löscher. Die neue Führung in Peking wolle die Binnenkonjunktur stützen und heimische Firmen fördern.

Für Siemens, das gerade sein zweites Geschäftsquartal abgeschlossen hat, bedeute das: „Die Geschäfte sind nicht leichter geworden. Wir erwarten von der Weltkonjunktur und den Märkten weiterhin keinen Rückenwind“, sagte Löscher. Viele Experten setzen auf einen Aufschwung im zweiten Halbjahr. „Davon spüren wir noch nichts.“

Investoren sind in Sorge. Siemens dürfe im laufenden Geschäftsjahr 2012/13 die Prognose eines auf vergleichbarer Basis stabilen Gewinns von 4,5 bis fünf Milliarden Euro nicht noch einmal verfehlen, sagte Daniela Bergdolt, Geschäftsführerin der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz. So schlecht laufe die Weltkonjunktur nun auch wieder nicht. „Diesmal muss Löscher liefern.“ Die Geduld der Investoren sei nicht unendlich.

Auch Christoph Niesel von Union Investment betont, dass es derzeit keine Rezession gebe und Siemens daher die Prognose schaffen müsse. „Man erwartet eine gewisse Verlässlichkeit.“ Der Fondsmanager vermisst vor allem eine mittelfristige Perspektive: „Es fehlt eine Vision für die nächsten Jahre. Die muss Löscher den Investoren und dem Markt endlich einmal geben.“

Kurzfristig ist die Lage nicht einfach. Unternehmenskreisen zufolge ist das abgelaufene Quartal bei Siemens nur durchwachsen verlaufen. Löscher aber ist zum Erfolg verdammt. Der Konzernchef hat versprochen, die Kosten um sechs Milliarden Euro zu drücken. So will Siemens wieder den Anschluss an die besten Konkurrenten finden und bis zum Jahr 2014 eine operative Umsatzrendite von zwölf Prozent schaffen.

Löscher glaubt, dass er seine Ziele schaffen kann. Die Kritik perle nicht einfach an ihm ab, sagte der Vorstandschef. „Aber ich lasse mich davon auch nicht beeinflussen, sondern arbeite ruhig und gelassen weiter.“ Axel Höpner, Hans-Jürgen Jakobs (HB)

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