Wirtschaft : Der Wettlauf der europäischen Aktienindizes

Graham Colbourne hat keinen leichten Job. Der Brite arbeitet als Direktor beim Indexanbieter FTSE International und ist gerade auf Europatournee bei Fondsmanagern, Bankern und Journalisten. Sein Ziel ist es, die Finanzgemeinde auf dem Kontinent von der neuen FTSE-Kreation zu überzeugen: dem Euro-Stars, einem Blue-Chip-Aktienindex für Euroland, der 29 Papiere führender europäischer Unternehmen enthält. "Europa braucht seinen Dax", sagt Colbourne. "Und der Euro-Stars hat das Zeug dazu", meint er selbstbewußt.Der Wettkampf um den Titel eines allgemein anerkannten Aktienindex für Euroland geht in eine neue Runde. Experten sind sich sicher: Im Zuge der Währungsunion werden die regionalen Indizes wie der Deutsche Aktienindex (Dax) oder der französische CAC 40 an Bedeutung verlieren, denn mit dem Beginn der Währungsunion wächst Euroland zu einem einheitlichen Aktienmarkt zusammen. Damit steigt das Interesse an einem übergreifenden Maßstab, der die durchschnittliche Wertentwicklung europäischer Dividendentitel abbildet.Auch immer mehr Privatanleger orientieren sich bei ihrer Anlageentscheidung an Aktienindizes, um einen Maßstab für den Erfolg zu haben. Beim Kampf um die Krone in Euroland sehen Analysten zur Zeit den Euro-Stoxx-50 von Stoxx Ltd. vorn, hinter dem unter anderem der Medienkonzern Dow Jones und die Deutsche Börse AG stehen. "Der EuroStoxx ist schon etabliert", sagt Wulf-Dietrich Spöring, Leiter der Vermögensverwaltung der Commerzbank.Bei der Frage, welches Unternehmen den anerkannten Marktmaßstab etabliert, geht es aber nicht nur um Ruhm und Ehre. Es geht um Geld - viel Geld sogar. Denn Aktienindizes sind mehr als eine Orientierungshilfe für Anleger. Banken und Investmenthäuser benutzen Indizes als Basis für zahlreiche Investmentprodukte, zum Beispiel für Optionsscheine oder Indexzertifikate auf den Euro Stoxx 50. Dafür müssen die Finanzhäuser Gebühren an die Indexanbieter zahlen.Indexprodukte erfreuen sich zunehmender Beliebtheit: Allein in Deutschland gibt es über 1000 Optionsscheine und Zertifikate auf verschiedene Indizes. Das läßt bei den Indexanbietern die Kasse klingeln. Ein profitables Geschäft. Vor diesem Hintergrund wird auch die Hartnäckigkeit verständlich, mit der FTSE International versucht, in Euroland den Euro Stoxx 50 wieder vom Sockel zu stoßen.Der neue Euro-Stars ist nicht der erste Vorstoß von der Insel. Die Briten legten bereits früh vor und starteten 1992 den Eurotop-100-Index, der die 100 führenden Unternehmen Europas beinhaltet. Doch das Produkt aus Großbritannien konnte auf dem Kontinent nicht so recht landen: Ein Grund dafür ist nach Ansicht von Fondsmanagern, daß der Index mit 100 Titeln zu viele Werte enthält, um ihn problemlos nachbilden zu können. Anfang 1998 schickte die Stoxx Ltd. dann ihre Index-Familie ins Rennen.Als dritter im Bunde tummelt sich auch noch die Morgan Stanley Capital International mit den MSCI-Indizes, die aber im Kampf um Marktanteile bei den Eurolandbenchmarks eine Außenseiterstellung haben. "Die Marktliquidität ist der Dreh und Angelpunkt für den Erfolg eines Index", erläutert Commerzbank-Experte Spöring.Hintergrund: Bildet ein Fondsmanager einen Index nach, so muß er sein Portfolio gegen Kursrisiken absichern. Dazu benötigt er Derivate. Gibt es nun zu einem Index einen breiten Derivatehandel, kann der Fondsmanager kostengünstig das Portfolio absichern. Diesen Erfolgsfaktor haben die Macher vom Euro-Stars berücksichtigt. Vom Beginn an starteten sie den Handel mit Future- und Optionskontrakten auf den neuen Index an den Terminbörsen in London und Amsterdam.Das Problem: Vergleicht man das Volumen der gehandelten Kontrakte, hat der Euro-Stoxx-50 klar die Nase vorn. Auch die Werbetour von Herrn Colbourne wird daran wenig ändern, glaubt jedenfalls Spöring von der Commerzbank. "Solange ich auf einem Markt genug Handelspartner finde, bleibe ich da", sagt er.

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