Wirtschaft : "Der zweite Anschluss": Die Wiener Wettbewerbshüter haben versagt

Bernd Hops

Auch wenn es hier zu Lande kaum jemand weiß: Die österreichische Wirtschaft gehört zu einem großen Teil deutschen Unternehmen. Gerade seit Anfang der 90er Jahre ging es mit der Übernahme von österreichischen Unternehmen durch deutsche Konzerne Schlag auf Schlag. Egal ob Zeitungen, Privatfernsehen, Supermärkte, Industrie oder seit neuestem Banken - überall mischen die Konzerne des großen Nachbarn aus dem Norden in Österreich ganz vorne mit. Der Kauf der Bank Austria, der größten österreichischen Bank, durch die Hypovereinsbank für 110 Milliarden Schilling (knapp 19 Milliarden Mark) im vergangenen Jahr bildet dabei den bisherigen Höhepunkt. Der Wiener Wirtschaftsjournalist Klaus Grubelnik zeichnet in seinem Buch "Der zweite Anschluss" die Beteiligungen minutiös nach - oft deutlich amüsiert von den Panikattacken seiner eigenen Landsleute angesichts der nachbarlichen Kaufwut.

Der größte industrielle Arbeitgeber des Landes im Süden Deutschlands ist mit gut 19 000 Beschäftigten die deutsche Siemens. Keiner verkauft in Österreich so viele Nahrungsmittel wie die rheinische Rewe-Gruppe. Über verschiedene Ketten haben die Kölner im Einzelhandel Österreichs einen Marktanteil von fast 31 Prozent. Als Rewe 1996 für 16 Milliarden Mark das Handelsimperium des ehemaligen Bar-Pianisten Karl Wlaschek übernahm, hielten sich die Proteste noch in Grenzen. Dabei wanderte durch den Kauf der österreichische Marktführer mit den Supermarktketten Billa, Merkur und Mondo in deutschen Besitz. Als Rewe-Chef Hans Reischl noch nach der Ikone des österreichischen Einzelhandels griff, dem noch aus k. & k.-Zeiten stammenden Julius-Meinl-Konzern mit einem Mohr als Markenzeichen, ging ein Sturm der Entrüstung durch das Land. Erst nach langen Verhandlungen wurde plakatiert: "Der Mohr bleibt." Rewe begnügte sich mit der Hälfte des Meinl-Konzerns.

Grubelnik erschöpft sich aber nicht nur in einer detaillierten Beschreibung der aktuellen Verflechtung in allen nur möglichen Wirtschaftsbereichen, sondern geht der Hassliebe zwischen den beiden Ländern nach. Mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges trennten die alliierten Mächte Österreich wirtschaftlich rigoros vom Deutschen Reich, das sich unter nationalsozialistischer Regie der kriegswichtigen Industrien Österreichs nach dem Anschluss von 1938 bemächtitigt hatte. Deutsches Eigentum wurde entweder als Reparationen von den Sowjets übernommen oder verstaatlicht. So gelangte ein Großteil der Grundstoffindustrie in die Hände der Republik.

Um wieder ein souveräner Staat zu werden, verpflichtete sich Österreich 1955 im Staatsvertrag mit den Siegermächten dazu, den Verkauf österreichischer Betriebe an deutsche Unternehmen weitgehend zu verhindern. Trotzdem machte sich deutsche Unternehmen daran, teilweise aus der Kaiserzeit stammende Beteiligungen zurückzugewinnen.

Besonders intensiv kümmerte sich Siemens um seine verlorene Auslandstochter. Durch einige Tricks und eine ausländische Holding gelangte der Elektronikkonzern - nicht ohne Hilfe des österreichischen Staates - in den 70er Jahren an sein Ziel. Heute hält die österreichische Staatsholding ÖIAG nur noch symbolisch 26 Prozent an Siemens Österreich. Das Geld dafür ist längst in den österreichischen Haushalt geflossen als eine Art ewiges Darlehen des Unternehmens an die Wiener Politik. Ganz verzichten mag Siemens auf die Staatsbeteiligung nicht - denn sie sichert den leichteren Zugang zu lukrativen öffentlichen Aufträgen des Landes Österreich.

Grubelnik spart in seinem Buch nicht mit Kritik an den österreichischen Politikern. Das eigentliche Problem sei nicht, dass deutsche Unternehmen sich in großem Stil eingekauft hätten. Gerade diese - und andere ausländische Investoren brächten Know-How ins Land und stärkten nachweislich die Wettbewerbsfähigkeit der übernommenen Unternehmen. Er erinnert auch daran, dass eine Reihe österreichscher Qualitätszeitschriften und -zeitungen wie "Der Standard" oder "format" ohne deutsche Investoren heute nicht in diesem Ausmaß existieren würden. Der Fehler liege also vor allem bei der Wettbewerbspolitik, die ihre Aufgabe nicht richtig wahrgenommen und Markt beherrschende Positionen einzelner Unternehmen nicht verhindert hat. Auch sei über die Jahrzehnte verpasst worden, eine international ausgerichtete Wirtschaftspolitik zu betreiben. Nur so sei es zu der Umarmung durch die deutschen Konzerne gekommen. Dabei zählt er auf Europa. Durch den Beitritt zur EU habe Österreich endlich wieder eine eigene Stimme bekommen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben