Desertec-Konferenz in Berlin : Europas Kleinstaaterei bremst Wüstenstrom-Projekt

Nach Barcelona und Kairo treffen sich die Desertec-Visionäre diesmal in Berlin. Nach dem Auftakt ihrer Jahreskonferenz im Auswärtigen Amt muss man annehmen, dass dieses größte Infrastrukturprojekt unserer Zeit versandet - wenn die Europäer sich allein darum kümmern.

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Krumme Dinger. Solarthermische Kraftwerke, hier bei Las Vegas, gibt es schon seit hundert Jahren. Sie sollen auch das Rückgrat des Wüstenstromprojektes Desertec sein. Doch der Strom daraus ist deutlich teurer als der aus Windrädern. Foto: picture-alliance / dpa
Krumme Dinger. Solarthermische Kraftwerke, hier bei Las Vegas, gibt es schon seit hundert Jahren. Sie sollen auch das Rückgrat des...Foto: picture alliance / dpa

BerlinBerlin - Im Jahr 1913 hatte der amerikanische Ingenieur Frank Shuman am östlichen Nilufer fünf Reihen großer Parabolrinnen aus Metall installiert, die Sonnenlicht bündeln. Sein Kraftwerk erzeugte Wasserdampf, um Pumpen für die Feldbewässerung anzutreiben. Dann kam der Erste Weltkrieg, die britischen Besatzer in Ägypten bauten Shumans Spiegel ab und schmolzen sie ein. Frustriert schrieb er: „Wir sind sicher, dass die größten Entwicklungen der Solarenergie kommen werden“. Das Potential der Sonnenenergie sei grenzenlos. „Und in ferner Zukunft, wenn fossile Brennstoffe erschöpft sind, wird sie fortbestehen als die einzige Grundlage menschlicher Existenz.“

Jetzt, einhundert Jahre später, schwebt der Geist Shumans in den Sälen des Auswärtigen Amtes in Berlin. Dort findet seit dem gestrigen Mittwoch die nach Barcelona und Kairo dritte Jahreskonferenz der 2009 gegründeten Desertec Industrie Initiative (Dii) statt. Rund 400 Experten aus Wirtschaft, Forschung und Politik diskutieren, wie man die vor Jahren im Club of Rome entwickelte Desertec-Vision umsetzen kann. Die sieht vor, dass bis 2050 genügend vernetzte Wind- und Solarkraftwerke entstehen, um nicht nur den Strombedarf der Wüstenregion zu decken, sondern auch noch rund 15 Prozent des europäischen Bedarfs. Rund 400 Milliarden Euro müsste man investieren, heißt es.

Im „Weltsaal“ des Außenamtes, unter mächtigen Kronleuchtern sitzend, mit Blick auf kirschholz-furnierte Wände, mag kein Konferenzteilnehmer dieses wohl größte Infrastrukturprojekt unserer Zeit offen in Frage stellen – zum Auftakt betonen Regierungsvertreter und Konzernchefs verschiedener Länder die gewaltigen Chancen im Sinne der wirtschaftlichen Entwicklung, der politischen Stabilisierung und des Klimaschutzes. In Nebenbemerkungen und abseits der Mikrofone aber spürt man deutlich: Shumans Zeit ist noch nicht gekommen.

So sollte die Konferenz eigentlich den feierlichen Rahmen für die Unterzeichnung des ersten Desertec-Kooperationsprojektes bieten: den Bau eines Wind- und eines solarthermischen Kraftwerkes in Marokko mit einer Gesamtleistung von 250 Megawatt, genügend Strom für rund 140 000 (deutsche) Durchschnittshaushalte. Rund 600 Millionen Euro soll das von der Bundesregierung geförderte Teilprojekt kosten. Vertreter Marokkos, Frankreichs, Italiens, Maltas und Luxemburgs sind nach Berlin gekommen, um einen entsprechendes Papier zu unterschreiben. Doch Dii-Geschäftsführer Paul van Son muss verkünden: Es gibt keinen Vertrag. Spaniens Zustimmung stehe noch aus.

Schon bei diesem überschaubaren Projekt scheitern die Desertec-Visionäre an Europas Kleinstaaterei, denn ohne Spanien geht es nicht: Der Wüstenstrom aus Marokko müsste nämlich über bereits existierende Kabel an der Meerenge von Gibraltar ins spanische Netz nach Kontinentaleuropa gespeist werden, damit ihn sich Luxemburg und Malta auf ihre Ökostrom-Quote anrechnen lassen können. So sind die EU-Regeln. Spanien sieht aber seine Rolle als Stromlieferant für das energiearme Marokko gefährdet, die spanische Regierung lehnt es also ab, Stromfluss in die entgegengesetzte Richtung zu genehmigen.

„Ich bin zuversichtlich, dass Marokko und die EU-Partner die spanische Regierung schon bald überzeugen können“, sagt Paul van Son und weist die Verantwortung damit zugleich von sich. Seine Dii GmbH sei ja nur Vertreterin der 21 Gesellschafterunternehmen des Konsortiums und somit nur Zuschauerin, wenn Staaten verhandeln.

Diese Halbherzigkeit zieht sich durch die Konferenz: Der Essener RWE-Konzern legt Pressevertretern einen Zettel mit luftigen Ankündigungen für ein eigenes 100-Megawatt-Projekt in Marokko vor: 130 bis 150 Millionen Euro könne man investieren, sagt RWE-Innogy-Chef Hans Bünting auf Nachfrage. Sein Unternehmen selbst würde aber nur einen Teil davon tragen. Wann, wo, wie es losgehe, sei offen. Und Torsten Jeworrek, Vorstand des Rückversicherers Munich Re, warnt vor ausufernden Kosten: „Der Verbraucher ist nicht Willens, alles zu bezahlen, nur um erneuerbare Energien zu bekommen“. Selbst die Ankündigung des chinesischen Stromnetzbetreibers SGCC von Anfang der Woche, bei Desertec mitmischen zu wollen, scheint die Europäer kaum zu elektrisieren. Eher strahlen sie Ratlosigkeit aus, während ihre möglichen Partner aus Arabien und Nordafrika in Berlin vom Aufbruch schwärmen.

„Geduld und Humor sind zwei Kamele, die dich durch die Wüste tragen“, zitiert Paul van Son in seiner Rede ein arabisches Sprichwort. Das dürfte sich auch schon der Sonnenpionier Frank Shuman 1913 gesagt haben.

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