Desertec-Konzept : Operation Wüstenstrom

Wüstensonne mit Windkraft verbinden: Zwölf Unternehmen wollen das wohl größte Infrastrukturprojekt der Welt auf den Weg bringen.

Kevin P. Hoffmann

Die Zentrale der Münchener Rückversicherung, idyllisch am Englischen Garten gelegen, bereitet sich für diesen Montag auf einen gewaltigen Ansturm der Presse vor. Schon 90 Minuten vor Beginn der Pressekonferenz wird der Saal geöffnet, das Haus bietet ausländischen Journalisten Simultanübersetzungen in Englisch und Französisch an.

Alle warten auf den Auftritt der Chefs und Vorstände von zwölf Unternehmen, die am Vormittag erstmals über das Konzept der Desertec-Stiftung – ein Zusammenschluss von Klimaforschern und Club of Rome – beraten. Die Manager wollen auch eine Absichtserklärung „zur Gründung einer Industrieinitiative zur Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien in den Wüsten Nordafrikas und des Nahen und Mittleren Ostens“ unterzeichnen, wie es in der Einladung heißt. Gründungsmitglieder dieser Desertec Industrial Initiative (DII) sind die Finanzkonzerne Münchener Rück, Deutsche Bank und HSH Nordbank, die Technologiekonzerne Siemens und ABB aus der Schweiz, die beiden größten deutschen Stromproduzenten RWE und Eon und die kleineren Ausrüster M+W Zander, Schott Solar, MAN Solar Millennium, Abengoa Solar aus Spanien und die Cevital-Gruppe, der größte Privatkonzern Algeriens. Auch da soll der Strom einmal produziert werden.

Angesichts des enormen öffentlichen Interesses und der vielen Politiker, die sich als Desertec-Fans outeten, nachdem der Termin vor etwa einem Monat bekannt wurde, gaben sich die Sprecher einiger Unternehmen in den vergangenen Tagen fast erschrocken, dämpften die Erwartungen: „Es ist natürlich im Moment noch Zukunftsmusik, aber das überwältigende Interesse zeigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind“, sagte ein Sprecher des Gastgebers.

Die Angst ist, dass die Manager bei der Öffentlichkeit Enttäuschung produzieren, weil sie auch nach ihrem Gipfel nicht mehr sagen können, als bereits auf dem Tisch liegt. Und das sind derzeit kaum mehr als drei Studien vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt inklusive einer Landkarte: Sie zeigt bereits existierende und mögliche – besonders geeignete – Standorte, an denen man Strom aus erneuerbaren Quellen gewinnen kann: Windstrom in Norddeutschland, Geothermie in Island, Strom aus Biomasse in Osteuropa. Und eben die Sonne, die in den äquatornahen Wüsten Nordafrikas und Arabiens dreimal intensiver scheint. Gerhard Knies, Spiritus Rector der Desertec-Stiftung, predigt den Satz: „Die Wüsten der Erde empfangen in sechs Stunden mehr Energie von der Sonne, als die Menschheit in einem ganzen Jahr verbraucht.“

Das Konzept sieht nicht vor, Europa allein mit Wüstenstrom aus solarthermischen Kraftwerken zu versorgen. Bis 2050 könnten Arabien und Nordafrika aber genug produzieren, um 17 Prozent des EU-Bedarfs über Gleichstromleitungen gen Norden zu exportieren. In Ägypten und Marokko werden derzeit mithilfe der Weltbank erste Anlagen gebaut. Um das Ziel zu erreichen, müssten jedoch hunderte entstehen. 400 Milliarden Euro könnte das kosten. Es wäre das wohl größte Infrastrukturprojekt der Menschheit. Kevin P. Hoffmann

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