Wirtschaft : Detlef Neumann

(Geb. 1946)||Alles für „die Jören“. Zum Beispiel eine Lenkung für liegende Piloten.

Thomas Loy

Alles für „die Jören“. Zum Beispiel eine Lenkung für liegende Piloten. Im nächsten Jahr, kurz vor der WM, wird in Berlin der „Torte-Neumann-Gedächtnis-Cup“ ausgefahren. Das Rennen wird wahrscheinlich im fußballerischen Erregungstaumel untergehen. Aber mit einer gewissen Resonanzarmut haben die Rennverantwortlichen Erfahrung. Torte Neumann, Spezialist gleichermaßen für den technischen wie jugendpädagogischen Bereich, hat sich immer gegen den schleichenden Attraktivitätsschwund gestemmt. Nun ist er tot. Und der Berliner Seifenkistensport in einer Existenzkrise.

Torte Neumann hieß so, weil seine erste Frau in einer Konditorei arbeitete und nach Geschäftsschluss immer die übrig gebliebenen Kuchen mit nach Hause nahm. Dort wurden sie kühl gelagert, so dass ihr Mann sie am nächsten Morgen mit zur Arbeit nehmen konnte.

Anfang der achtziger Jahre rief das Kreuzberger Bezirksamt auf, Seifenkisten zu bauen – auf diese Idee war in Berlin seit Langem niemand gekommen. Torte nahm seinen jüngeren Sohn zur Seite und erklärte ihm die Vorzüge dieser ökologisch korrekten Freizeitbeschäftigung. So ging das los. Die erste Seifenkiste wurde noch vor der Straßenerprobung für untauglich befunden. Erst das zweite Bauprojekt gelang, „Joker“ stand auf der Rennkiste. Es wurde daraus das bundesweit bekannte „Joker-Team“ mit 50 einsatzfähigen Rennwagen.

Jeans, T-Shirt, Weste, die Gesichtszüge angespannt, schließlich lastet die Verantwortung – so stand er auf der Rampe am Mehringdamm, wenn die Berliner Meisterschaften ausgetragen wurden. Torte Neumann kümmerte sich um die technische Abnahme. Das dauerte Stunden, weil sich Seifenkistenbauer immer wieder neue Tricks einfallen lassen, um das Regularium zu unterlaufen. Damit zumindest nicht bei den Reifen geschummelt wird, bekommt jeder Starter Leihräder gestellt. Das Berliner Depot mit mehr als 1000 Rädern verwaltete natürlich Torte Neumann.

Manche nannten ihn „Tüfteltorte“, weil er mit seinen Joker-Kindern immer an irgendwelchen Seifenkisten herumexperimentierte. Torte erfand eine neue Lenkung für liegende Piloten und eine Vorrichtung zum Berganschleppen diverser Seifenkisten hinterm Auto.

„Für die Jören“ machte er das, na klar, da brauchte er gar nicht nachzudenken. Damit die Jören eine Vorstellung von Technik bekommen und Erfolgserlebnisse mit nach Hause nehmen.

Torte organisierte auch die Zeltlager in Hessen oder Nordrhein-Westfalen, wenn wieder Deutsche Meisterschaften anstanden. Von 220 Startern kamen in guten Jahren 40 aus Berlin. Torte Neumann machte Berlin zur Hauptstadt des Seifenkistensports, beriet Vereine in Thüringen und Westdeutschland und half mit Material aus.

Die Krankheit, Blasenkrebs, darüber sprach er nicht. Darum sollten sich die Ärzte kümmern. Zur Beisetzung von Torte kamen mehr als 300 Leute. Viele Seifenkistenpiloten, ehemalige und aktive, standen an seinem Grab. Einige warfen ihm Roth-Händle-Packungen hinterher, ohne Filter, jahrzehntelang seine Marke. Oder Miniatur-Seifenkisten, Pokale, Urkunden, Kaffeebecher. Dreimal musste der Blumenwagen fahren, bis alle Kränze und Gebinde am vorgesehenen Platz lagen.

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