Deutsch-türkische Geschäftsbeziehungen : Ein Klima des Misstrauens - auch in der Wirtschaft

Die politischen Spannungen veranlassen deutsche Unternehmen, sich mit Investitionen zurückzuhalten. Kein anderes Land ist in der Türkei mit mehr Firmen vertreten.

Großer Markt. Rund 7000 deutsche Unternehmen haben Zweigstellen oder Produktionsstätten in der Türkei. Foto: AFP
Großer Markt. Rund 7000 deutsche Unternehmen haben Zweigstellen oder Produktionsstätten in der Türkei. Foto: AFPFoto: AFP

Die politischen Spannungen zwischen Deutschland und der Türkei belasten zunehmend die Geschäftsbeziehungen zwischen beiden Ländern. Zahlreiche Unternehmen stellen ihr Türkei-Geschäft angesichts der angespannten Lage auf den Prüfstand. Was nicht unproblematisch ist: Kein anderes Land ist mit mehr Firmen in der Türkei vertreten als die Bundesrepublik. Derzeit sind fast 7000 deutsche Unternehmen in dem Land aktiv, so viele wie aus England, Russland und den USA zusammen.

„Deutsche Unternehmen verlassen das Land zwar nicht, aber sie sind verunsichert und halten sich mit neuen Investitionen zurück“, sagt Volker Treier, Außenwirtschaftschef des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK). Bei der Deutschen Auslandshandelskammer (AHK) in der Türkei haben sich die Geschäftsanfragen deutscher Unternehmen im vergangenen Jahr halbiert. Und das, obwohl für deutsche Investoren „der rote Teppich“ ausgerollt werde, weil die Türkei auf sie angewiesen sei.

Konzerne äußern sich zurückhaltend

Selbst Alteingesessene wie der Baustoffkonzern Heidelberg-Cement halten sich momentan zurück. Man plane derzeit keine Investitionen, auch wenn es dazu Gelegenheit gebe, sagt Konzernchef Bernd Scheifele. Das Unternehmen ist an einem Joint -Venture mit der Sabanci Holding beteiligt – dem türkischen Baustoff-Marktführer. Beim Siemens-Konzern, der schon seit mehr als 160 Jahren Geschäfte mit und in der Türkei macht, heißt es derzeit: „Wir müssen sehen, wie sich die Situation weiter entwickelt.“ Die Türkei sei immer noch ein attraktiver Markt. An der langfristigen Strategie für das Land habe sich nichts geändert.

Eon-Chef Johannes Teyssen äußert sich ähnlich: „Es gibt keine neue Bewertung des Türkei-Geschäfts. Es ist Teil des strategischen Kerngeschäfts.“ Eon versorgt über seine 50-Prozent-Beteiligung Enerjisa in der Türkei neun Millionen Menschen mit Strom.

Klima des Misstrauens ist entstanden

Während sich die großen Konzerne zurückhaltend äußern, wird DIHK-Außenwirtschaftschef Treier deutlicher. Seit dem gescheiterten Putsch im vergangenen Sommer seien die deutschen Exporte in die Türkei stetig gesunken, sagt er. Waren Ökonomen Anfang 2016 noch von einem Plus von fünf bis zehn Prozent ausgegangen, sanken die Exporte letztlich um 2,1 Prozent. Für 2017 erwartet Treier einen weiteren Rückgang bei den deutschen Ausfuhren um mindestens fünf Prozent. „Wir gehen da nicht unbeschadet raus“, sagt Treier.

Allerdings sind deutsche Unternehmen in der Türkei nach Angaben des DIHK-Mannes nicht gleichermaßen von den politischen Spannungen betroffen: Große deutsche Firmen produzieren dort für den Weltmarkt und sind relativ unabhängig vom türkischen Markt. Anders als der Mittelstand, wie eine aktuelle Umfrage auslandsaktiver Unternehmen mit Sitz in Deutschland zeigt. 581 der befragten 2200 DIHK-Mitglieder (43 Prozent) stuften die wirtschaftlichen Perspektiven in der Türkei als schlecht ein. Dagegen wurden die Geschäftsaussichten in der Eurozone von 59 Prozent der Befragten als „gut“ bezeichnet und nur von fünf Prozent als „schlecht“.

In der Türkei sei in den vergangenen Monaten ein Klima des Misstrauens entstanden, sagt Treier. „In so einem Klima ist es schwierig, Geschäftsbeziehungen aufzubauen.“ In den Unternehmen bestünde zudem die Angst, dass die bilateralen Spannungen in die Belegschaft transportiert würden. Noch gebe es keine Anzeichen dafür, aber es könnte zu Auseinandersetzungen zwischen deutschen und türkischen Mitarbeitern kommen.

Unsicherheiten wie beim Brexit

Käme es zu einem Wirtschaftsstreit mit Deutschland, würde die Türkei das vor allem bei den Textilausfuhren spüren. Stoffe lassen sich leicht auch aus Südostasien importieren. Bei den deutschen Exporten in die Türkei ist Ersatz weitaus schwieriger. Nur aus China führt die Türkei noch mehr Güter ein als aus Deutschland. Aus dem Ausland stammen vor allem Autos, Maschinen und Elektrotechnik. Andreas Gontermann, Chef-Volkswirt des Zentralverbandes Elektrotechnik- und Elektronikindustrie (ZVEI), sagt dazu: „Aus den bisherigen Zahlen lässt sich die Unsicherheit nicht ablesen, aber sie ist – wie beispielsweise beim Brexit – trotzdem da.“

Der wie der ZVEI in Frankfurt am Main ansässige Maschinenbauverband VMDA erwartet, das vorherige Exportplus von knapp drei Prozent in diesem Jahr nicht halten zu können. „Wir sind da nicht so optimistisch“, sagt der Türkei- Experte des Verbandes, Friedrich Wagner. Die derzeitigen Spannungen würden zum Beispiel Unternehmen betreffen, die Hochschulen mit Laboren als Kunden haben – nachdem mehr als 2000 Professoren entlassen worden sind. Auch Betriebe, die Hotels mit automatisierten Aufzügen, Klima- und Lüftungsanlagen ausstatten, seien betroffen. „Seit die Touristen fern bleiben, tut sich beim Hotelbau nichts mehr“, sagt Wagner.

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