Wirtschaft : Deutsche Autoindustrie: US-Abschwung gefährdet Konjunktur

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Trotz der schlechten Nachrichten aus den USA geht die deutsche Autoindustrie mit guten Erwartungen ins kommende Jahr. "Wir sind nicht euporisch, aber durchaus zuversichtlich", sagte der Präsident des Verbandes der deutschen Autoindustrie, Bernd Gottschalk. Allerdings gebe es die Gefahr, dass der "Bazillus der Verunsicherung" in den USA zu einer "Infektion" führen könne, sagte Gottschalk am Freitag im Gespräch mit dem Tagesspiegel.

In den USA würden in diesem Jahr "deutlich mehr als 17 Millionen Fahrzeuge" abgesetzt, im nächsten Jahr sei es dagegen schwierig, über 16 Millionen zu kommen. "Der US-Markt steht vor einer schwierigen Phase", sagte Gottschalk. Die Position der deutschen Hersteller sei allerdings ausgezeichnet: "Wir werden unseren gestiegenen Marktanteil verteidigen und zum Teil noch zulegen können." Mercedes und BMW, Porsche, Audi und VW erreichen in diesem Jahr Rekordzahlen in den Vereinigten Staaten. Die Gefahren eines deutlich stärkeren Euros für den Autoexport schätzt Gottschalk eher gering ein; auch deshalb, weil er eine Euro-Dollar-Parität "im Augenblick nicht sieht". Ein Eurokurs von 95 Cent sei indes realistisch und werde die Marktchancen der deutschen Hersteller kaum beinträchtigen.

Das jetzt zu Ende gehende Jahr bringe den deutschen Autofirmen vermutlich einen "All-Time-High-Record" im Export, was der Autopräsident vor allem auf die Innovationskraft der Branche zurückführt. So seien seit Anfang der 90er Jahre die Ausgaben für Forschung und Entwicklung um 150 Prozent erhöht worden. Beispielhaft für die Stellung der deutschen Firmen sei der Dieselantrieb, "bei dem wir einen beachtlichen zeitlichen Vorsprung vor allen internationalen Wettbewerbern haben". Inzwischen sei der Diesel sogar in der Oberklasse salonfähig geworden, und trotz des schrumpfenden deutschen Marktes würden 2000 rund 20 Prozent mehr Dieselautos verkauft als 1999.

Auf dem deutschen Markt werden in diesem Jahr mit knapp 3,4 Millionen Fahrzeugen rund elf Prozent weniger zugelassen als 1999. Allerdings kompensierte der starke Export die Inlandsschwäche, so dass unterm Strich die Autoindustrie mit gut fünf Millionen Fahrzeugen das Vorjahresniveau leicht überschreiten wird. Die Fünf-Millionen-Marke würde damit das dritte Jahr in Folge übertroffen. Deshalb gibt sich Autopräsident Gottschalk auch durchaus zufrieden mit dem Jahr 2000, wenngleich ihn ärgert, dass "durch die Fokussierung auf den Inlandsmarkt das Autojahr schlechter dargestellt wird als es ist". Im übrigen habe die Branche, also Hersteller und Zulieferer, in diesem Jahr 27 000 Arbeitsplätze geschaffen. Schließlich sei die Auslastung der Kapazitäten bei Herstellern (rund 95 Prozent) und Zulieferern (98 Prozent) ausgezeichnet.

Anders als die Industrie hängt das mittelständische Kfz-Gewerbe voll vom Inland ab. Deshalb wird das zweistellige Minus im Pkw-Verkauf die Rendite der Autohäuser drücken; nach vorläufigen Berechnungen des Kraftfahrzeugverbandes sinkt die Umsatzrendite vor Steuern auf knapp ein Prozent. Im Autohandel und in den Werkstätten gibt es rund 530 000 Beschäftigte; da die Hersteller den Vertrieb neu strukturieren und den Konzentrationsprozess im Handel forcieren, wird sich die Zahl der derzeit 48 000 Kfz-Betriebe weiter verringern. Nach dem enttäuschenden Jahr 2000 erwartet der Verband für 2001 immerhin ein Plus von fünf Prozent beim Neuwagenverkauf.

Die diesjährige Kaufzurückhaltung der Deutschen erklärt VDA-Gottschalk insbesondere mit den zwischenzeitlich stark gestiegenen Benzinpreisen als Folge von höheren Steuern, dem starkem Dollar und der Opec-Förderpolitik. Im neuen Jahr soll alles anders werden: Trotz der Erhöhung der Mineralölsteuer zum 1. Januar erwartet Gottschalk einen "beachtlichen Kaufkraftzufluss" durch "die mutige Politik der Bundesregierung, die Steuern zu senken". Positiv wirkten ferner einige neue Fahrzeuge oder Modellvarianten, der hohe Ersatzbedarf sowie der langsam schrumpfende Gebrauchtwagenbestand. All diese könnte dazu führen, dass in 2001 "deutlich über 3,5 Millionen Pkw" in Deutschland neu angemeldet werden. Zusätzliche Impulse erwartet Gottschalk von der Internationalen Autoausstellung IAA im Spätsommer, wo es "die ein oder andere Wundertüte geben wird".

Die Politik bewertet der Autopräsident alles in allem positiv. Wohl auch deshalb, weil "der Kanzler die Leistung der Industrie schätzt und sehr viel von der Branche versteht". Auch habe sich Gerhard Schröder "mutig" beim Streit um die Altautoverordnung eingesetzt. Ob allerdings die Veränderungen der Abschreibungstabellen die Wirtschaft nicht mehr als 3,5 Milliarden Mark koste, wie von Schröder versprochen, oder doch sieben Milliarden Mark, wie von der Wirtschaft ausgerechnet, werde der Autoverband kontrollieren. Schließlich erinnert Gottschalk an das Sommertheater um die Benzinpreise respektive die Ökosteuer: "Die Rentenfinanzierung über die Zapfsäule ist nicht der intelligenteste Weg." Vor einer schärferen Kritik am Autokanzler wird sich der Autopräsident hüten.

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