Wirtschaft : Deutsche Bahn: Bahn-Chef verteidigt Sanierungskurs

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Der Deutschen Bahn droht ein heißer Winter. Hunderte Beschäftigte haben am Donnerstag vor der Konzernzentrale in Berlin gegen die geplanten Werksschließungen und den Abbau von 5000 Stellen protestiert. Sie werfen dem Vorstand Konzeptionslosigkeit vor. Bahnchef Hartmut Mehdorn will dennoch an seinen Plänen festhalten. "Wir können uns der Realität nicht entziehen. Die Bahn muss wirtschaftlich werden", sagte er vor den Demonstranten. Offenbar will sich nun die Bundesregierung einschalten: Bundesverkehrsminister Reinhard Klimmt (SPD) habe dies zugesichert, verlautete aus den Ländern.

Die Bahn hatte Anfang der Woche angekündigt, sämtliche sechs Spezialwerke und vier größere Instandhaltungswerke bis Ende kommenden Jahres stillzulegen - die meisten davon in den neuen Bundesländern. In weiteren vier Werken sollen Stellen abgebaut werden. Im einzelnen sind dies die Spezialwerke in Brandenburg, Dessau, Halberstadt, München-Aubing, Vacha und Blankenburg. Sie sollen nach Angaben von Personalvorstand Horst Föhr bis Mitte des nächsten Jahres geschlossen werden. Darüber hinaus sollen die Instandhaltungsbetriebe in Stendal, München-Neuaubing, Leipzig-Engelsdorf und Neustrelitz bis Ende 2001 "zu etwa 80 Prozent" stillgelegt werden. In Hannover, Limburg, Erfurt und Chemnitz würden Stellen gestrichen, sagte Föhr. Insgesamt würden damit bis 2005 rund 5000 Stellen wegfallen, bestätigte er entsprechende Angaben aus Gewerkschaftskreisen. Er schloss aber auch nicht aus, dass noch weitere Anpassungen nötig sein könnten.

Föhr verteidigte am Donnerstag vor der Presse die Entscheidung des Vorstands. In den sechs Spezialwerken mit noch knapp 1200 Beschäftigten seien seit 1998 Verluste in Höhe von 145 Millionen Mark aufgelaufen. Angesichts der "schwierigen Finanzsituation" der Bahn sei eine Fortführung nicht mehr zu verantworten. Die Bahn habe sich in den vergangenen zwei Jahren erfolglos bemüht, die Werke zu verkaufen. Föhr sicherte zu, die Suche nach Investoren fortzusetzen. Die Bahn sei auch bereit, Übernahmen finanziell zu unterstützen. Als Limit für eine solche Unterstützung nannte er die Stilllegungskosten, die er mit 250 Millionen Mark bezifferte.

Auch in den Instandhaltungswerken seien Kapazitätsanpassungen unvermeidbar, sagte Föhr. Durch die Modernisierung der Fahrzeuge fielen zunehmend weniger Instandhaltungsarbeiten an, die Werke seien schlecht ausgelastet, eine "Neuordnung" sei entsprechend unverzichtbar. In den 19 großen und 150 kleineren Werken sind heute noch rund 20 500 Menschen beschäftigt. Föhr wies den Vorwurf zurück, in Ostdeutschland würde die Bahn überproportional viele Stellen abbauen. Sieben der verbleibenden 15 Instandhaltungswerke lägen im Osten, sagte er. "Wir müssen uns selbst sanieren, wir können nicht Sachsen-Anhalt sanieren."

Auch Bahnchef Hartmut Mehdorn will trotz der Proteste an dem Beschluss festhalten. "Wir müssen uns um unsere Zukunft selbst bemühen, das macht keiner für uns", sagte er auf der Kundgebung. Dass die Pläne so frühzeitig an die Presse durchsickerten, sei nicht Absicht der Bahn gewesen. "Das haben wir nicht gewollt", sagte der Vorstandsvorsitzende. Die Bahn-Spitze werde sich um "sozialverträgliche Lösungen bemühen, Entlassungen wird es nicht geben", versicherte Mehdorn den Demonstranten - und erntete Pfiffe und Buhrufe.

Die Gewerkschaften werfen dem Vorstand vor, sie mit dieser "kaltschnäuzigen Entscheidung" überrollt und Absprachen nicht eingehalten zu haben. An einem Konzept für einen schrittweisen Abbau in den Werken sei gearbeitet worden. Mit dem einseitigen Beschluss habe der Vorstand "das Vertrauen der Belegschaft verloren", sagte der stellvertretende Transnet-Vorsitzende, Günter Ostermann. Am kommenden Dienstag soll nun ein Gespräch mit dem Vorstand stattfinden. Sollte dieser nicht einlenken, "kann er sich auf einen heißen Herbst gefasst machen", sagte Ostermann.

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