Deutsche Bahn : Bund provoziert Krach im Bahn-Aufsichtsrat

Der Aufsichtsrat der Deutschen Bahn ist verärgert über die Absage des Börsengangs durch die Bundesregierung. Ein Mitglied wirft hin und attackiert die Koalition.

Carsten Brönstrup

Berlin Im Aufsichtsrat der Deutschen Bahn gibt es erheblichen Unmut über die Absage des Börsengangs durch die Bundesregierung in der vergangenen Woche. Eggert Voscherau, Mitglied in dem Gremium und Ex-Vizechef des Chemiekonzerns BASF, kündigte im Gespräch mit dieser Zeitung an, sein Mandat zum Jahresende niederzulegen. „Es kann nicht sein, dass der Aufsichtsrat aus der Presse erfährt, was der Eigentümer mit dem Unternehmen vorhat, und das Gremium dies dann nur noch abnickt“, sagte Voscherau zur Begründung.

Der Manager äußerte zugleich scharfe Kritik daran, wie die Regierung mit der Bahn umgehe. Der Bund habe in den vergangenen Jahren akzeptiert, dass sich die Bahn zu einem internationalen Logistikdienstleister „mit angehängtem Personenverkehr“ entwickle. Geführt werde der Konzern vom Eigentümer aber wie ein Unternehmen, das ausschließlich Personenverkehr betreibe „und bei dem deshalb jeder Bürgermeister von Flensburg bis Garmisch sowie die Bundesregierung mitreden dürfen. Das ist gefährlich und fährt das Unternehmen gegen die Wand, wenn sich hier nichts ändert“.

Unter Verweis auf das schlechte Börsenumfeld hatte die Koalition die lange geplante Privatisierung des Staatskonzerns vergangenen Mittwoch offiziell verschoben. Offenbar wollte die SPD aber vor allem ihren angeschlagenen Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee vor dem Rücktritt bewahren. Er hatte sich im Streit um Bonuszahlungen, die das Bahn- Management für den Börsengang bekommen sollte, in Widersprüche verstrickt.

Voscherau sagte, er habe erwartet, seine unternehmerische Erfahrung bei der Bahn einbringen zu können. Das sei gegenwärtig aber nicht möglich. „Da muss sich der Bund fragen, was der Aufsichtsrat eigentlich soll“, sagte der Manager. Indirekt forderte er die anderen Mitglieder auf, seinem Beispiel zu folgen. „Diese Frage sollte sich jeder andere, der in diesem Gremium sitzt, auch stellen“, sagte Voscherau, stieß aber zunächst nicht auf Unterstützung. „Es wäre töricht, jetzt mit aller Macht weiter für den Börsengang zu kämpfen“, sagte Aufsichtsrat Niels Lund Chrestensen, Unternehmer aus Erfurt.

Voscherau nahm den Vorstand unter der Führung von Hartmut Mehdorn von der Kritik ausdrücklich aus. „Das ist kein Misstrauensvotum gegen das Management.“ Er habe vor der Konzernspitze hohen Respekt, die aber „mit diesem Eigentümer keine leichte Aufgabe“ habe.

Auch im Konzern herrscht seit der Absage des Börsengangs Unzufriedenheit. „Wir sind börsenfähig, die Politik ist es nicht“, hieß es. Derzeit werden Alternativen zu einem gewöhnlichen Börsengang geprüft, um noch vor der Bundestagswahl 2009 privates Kapital zu mobilisieren. Dazu gehört der Verkauf von Unternehmensteilen an Großinvestoren. Auch die Möglichkeit, eine Wandelanleihe auszugeben, wird geprüft. Dabei bekäme die Bahn Geld von Anlegern, die nach einer gewissen Zeit entweder das Kapital samt Zinsen oder Aktien zurückbekämen. In dieser Woche wollen Mehdorn und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) über das weitere Vorgehen beraten.

Ein Sprecher von Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) sagte, er wolle auf die Kritik Voscheraus nicht eingehen. Der Börsengang sei nicht aufgehoben, sondern aufgeschoben, bis das Marktumfeld besser sei. Carsten Brönstrup

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