Deutsche Bahn : "Eine Bahn ohne Fahrgäste"

Der Bedienzuschlag wurde gekippt, doch Hartmut Mehdorn steht kurz vor dem Börsengang in der Kritik.

Moritz Döbler

Berlin – Wenn Hartmut Mehdorn alle Rücktrittsforderungen seiner Bahn-Karriere archivieren wollte, bräuchte er einigen Regalplatz. Seit der Vorstandsvorsitzende den Staatskonzern auf Börsenkurs bringt, entzündet sich immer wieder Kritik an ihm. Seine kompromisslose Art mag dazu beitragen. Jedenfalls war es am Wochenende mal wieder so weit – obwohl er den allseits heftig kritisierten Bedienzuschlag gerade erst wieder zurückgenommen hatte.

Auch Hermann Scheer, einer der stärksten SPD-Kritiker des bevorstehenden Börsengangs, legte seine Rücktrittsforderung neu auf. Mehdorn gehöre schon lange entlassen und sei „der falsche Mann am falschen Fleck“.

Das sieht auch Grünen-Bundestagsfraktionschefin Renate Künast so. „Die Bundesregierung darf nicht weiter zusehen, wie Mehdorn an einer Bahn ohne Fahrgäste arbeitet“, sagte die Berliner Abgeordnete der „Neuen Presse“ in Hannover. „Mehdorn will nur noch Geld scheffeln und kalkuliert dabei nicht ein, dass er damit Kunden vergraulen könnte.“ Der Bahn-Chef lasse sich wegen des Börsengangs verblenden. Künasts Fraktionskollege Winfried Hermann sprach in der „Passauer Neuen Presse“ von einem immensen Imageschaden für die Bahn, weil sie „jetzt wieder eine Woche lang die Lachnummer der Nation“ gewesen sei.

Kritik kommt auch von der CDU – allerdings ohne Rücktrittsforderung. Die Idee mit dem Zuschlag sei „eine klare Fehlleistung des Managements, auch natürlich von Herrn Mehdorn in seiner Gesamtverantwortung persönlich“ gewesen, sagte der CDU-Verkehrsexperte Dirk Fischer im NDR. Allerdings müsse der weltweit operierende Verkehrs- und Logistik-Konzern seine Ertragssituation vor dem Börsengang verbessern.

So sehr sich Scheer, Künast und Co. das auch wünschen mögen – ein Rücktritt Mehdorns ist derzeit nicht denkbar, selbst wenn sein Verhältnis zu Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) als schwierig gilt und der Draht ins Kanzleramt zu Gerhard Schröders Zeiten besser funktionierte als heute. Denn in gut einem Monat sollen erstmals die Aktien der Deutschen Bahn gehandelt werden. Eine politisch motivierte Absetzung des obersten Bahn-Managers, dessen Vertrag erst vor gut einem Jahr bis Mai 2011 verlängert wurde, wäre da ein verheerendes Signal für die Investoren.

Ohnehin gilt die Sache mit dem Bedienzuschlag am Finanzmarkt als ziemliches Fiasko. Dabei sind die Beobachter nicht vornehmlich unglücklich darüber, dass der Bedienzuschlag wieder gestrichen wurde. Die zum Winterfahrplan geplante Gebühr von 2,50 Euro pro Fernticket hätte der Bahn lediglich Mehreinnahmen von rund 50 Millionen Euro pro Jahr gebracht. Nein, der Finanzmarkt sorgt sich eher, dass die Politik immer noch den Ton angibt bei der Bahn, heißt es in Frankfurt am Main. Tiefensee hatte sich erst nicht einmischen wollen, aber dann doch Druck gemacht, um den Zuschlag zu kippen. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel hat in Gesprächen – so vornehm umschrieb es die Bundesregierung – nachdrücklich auf Mehdorn eingewirkt.

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