Wirtschaft : Deutsche Bahn: Eine Chance für den Schienenverkehr

Antje Sirleschtov

Es ist wie ein pawlowscher Reflex: Da entscheidet sich die Bahn AG dazu, Zugverbindungen einzustellen - und sofort brandet ein öffentlicher Protest gegen das Unternehmen auf. Abgespeckte Fahrpläne der Bahn, so die Kritiker, werden unweigerlich zu einem schmaleren Verkehrsangebot auf der Schiene, zu noch mehr Staus auf der Straße und noch mehr Umweltverschmutzung führen. Rechnen Bahngewerkschaften dann die Einstellung der Zugverbindungen in verloren gegangene Arbeitsplätze um, ist die Entrüstung noch größer. Ist die bundeseigene Bahn AG verpflichtet, jedes Gleis in Deutschland zu befahren und jedem Lokführer einen Job zu garantieren? Mitnichten. Völlig aus dem Blickfeld gerät bei aller Aufregung, dass die Bahn keineswegs das einzige Verkehrsunternehmen ist, dessen Geschäftsinteresse im Transport von Passagieren und Gütern liegt. Tatsächlich haben sich in den vergangenen Jahren einige Unternehmen entwickelt, die über Know-how und Kapazität zum Betreiben von Zugverbindungen im überregionalen Verkehr verfügen. Dass man sie bis jetzt eher als seltene Paradiesvögel auf Vorort-Gleisen kannte, liegt in erster Linie daran, dass der Wettbewerb auf der Schiene noch unterentwickelt ist und Fernverkehrsstrecken von der Bahn AG betrieben werden. Wenn solche Verbindungen jetzt neu ausgeschrieben werden, wird sich zeigen, ob deren Einstellung am Unvermögen der Bahn AG oder am mangelnden Interesse der Kunden liegt. Die Chance, dies zu überprüfen, sollten sich die Auftraggeber des Nahverkehrs, die Bundesländer, und die Wettbewerbsbehörden des Bundes nicht entgehen lassen. Im Interesse des Schienenverkehrs und im Interesse der Lokführer.

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