Deutsche Bahn : Hartmut Mehdorn, der Unvollendete

In seinem Konzern geht es gerade drunter und drüber. Über sich selbst sagt er, dass er nie alles erreicht. Trotzdem will er immer das Maximale. Doch bleibt er jetzt wohl der Unvollendete.

Carsten Brönstrup,Bernd Hops

DER BÖRSENGANG DER BAHN WIRD WOHL AUF JAHRE HINAUS VERSCHOBEN – UND IM TARIFSTREIT MIT DEN LOKFÜHRERN ZEICHNET SICH KEINE LÖSUNG AB. IST BAHN-CHEF HARTMUT MEHDORN JETZT GESCHEITERT?

Noch nicht. Wie sehr er den Konzern im Griff und seine Ziele im Blick hat, wird Mehdorn in den kommenden Wochen beweisen müssen. Heute Abend wird der Koalitionsausschuss die Privatisierung der Bahn wohl erneut vertagen. Zieldatum wäre dann irgendwann nach der nächsten Bundestagswahl 2009. Für Hartmut Mehdorn ist das aber beinahe schon Routine. Erst sollte das Unternehmen 2003 an den Kapitalmarkt, später 2005, dann 2006 – die Sanierung der einstigen Behörde dauerte stets länger als geplant. Und die politischen Umstände blieben schwierig.

Der Börsengang war immer Mehdorns großes Ziel. Doch der Bahn-Chef war so geschickt, niemals sein persönliches Schicksal damit zu verbinden. „Ich habe schon mal ein Unternehmen an die Börse gebracht, ich weiß, wie das geht“, sagt er und verweist auf seine Zeit als Chef der Heidelberger Druckmaschinen AG. Es bleibt immerhin Mehdorns Leistung, aus dem verlustreichen Schienenkoloss einen schlagkräftigen Logistikkonzern gemacht zu haben. „Ich muss niemandem mehr was beweisen“, sagt er. Allerdings hat er seinen Mitarbeitern die Privatisierung des letzten namhaften Staatskonzerns stets als leuchtendes Ziel vor Augen gehalten.

Im Tarifstreit mit den Lokführern bleibt Mehdorn seit Monaten hart. Er sieht sich als derjenige, der das Gesamtwohl der Bahn verteidigt. Seine Vision vom Bahn-Konzern der Zukunft gefährden die Lokführer zwar nicht – wenn er wollte, könnte er diese Berufsgruppe weitgehend entmachten. Der Streit mit den Lokführern ärgert Mehdorn aber vor allem deshalb, weil er die Bahn-Führung viel Kraft kostet, die sie eigentlich für die Privatisierungsdebatte bräuchte.

WIE GROSS IST MEHDORNS MITSCHULD AM VORLÄUFIGEN ENDE DER PRIVATISIERUNGSPLÄNE?

Das Zackige, die Hemdsärmeligkeit – Mehdorn merkt man den Hauptmann der Reserve immer noch an. Der Bahn-Chef polarisiert. Lobbyisten, Landräte, Umweltschützer, Abgeordnete, selbst Bundesminister müssen mit rüden Attacken rechnen, wenn er sich und sein Unternehmen zu Unrecht kritisiert fühlt. „Zu den Leuten, die unterm Teppich durchlaufen können, ohne eine Beule zu erzeugen, gehöre ich nicht“, bekennt er. Wie seine Vorbilder. Ex-Daimler-Boss Jürgen Schrempp gehört dazu, auch CSU-Titan Franz-Josef Strauß. Im jahrelangen Hickhack um die Privatisierung der Bahn war diese Art nicht gerade hilfreich, auch wenn der Manager im Vergleich zu den ersten Jahren seiner Amtszeit deutlich gemäßigter und beherrschter geworden ist.

Doch es fiel Mehdorn immer schwer, Verbündete auf seine Seite zu ziehen und Allianzen zu schmieden. Nie hat er beim Börsengang echten Willen zum Kompromiss gezeigt, immer wollte er das Maximale: die Macht über das Schienennetz und damit auch über die Konkurrenten, wenig Einfluss des Bundes, aber viel Geld vom Staat. Obendrein hat Mehdorn, der rational denkende Ingenieur, nie die Ängste der Bahn-Romantiker verstanden, für die der Zugriff gieriger Investoren auf ihre geliebte Eisenbahn ein Alptraum ist. Für ihn war die Privatisierung schon immer „alternativlos“. Mehdorn dachte, es würde dabei genügen, die Bahn-Gewerkschaften auf Linie zu bringen und Bayerns Ex-Verkehrsminister Otto Wiesheu als Bahn-Vorstand mit den wichtigen Politikern kuscheln zu lassen. Doch der CSU-Mann, einst als Geheimwaffe des Konzerns bejubelt, konnte das Scheitern der Börsenpläne auch nicht abwenden.

Hinzu kommt, dass sich die SPD-Entscheider – Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee, Finanzminister Peer Steinbruck und Fraktionschef Peter Struck – von Mehdorns Idee eines integrierten Konzerns aus Fahrbetrieb und Netz zunächst blenden ließen. Sie träumten von der Deutschen Bahn als Weltkonzern – übersahen aber, dass sowohl die SPD-Linke als auch die Union ganz andere Pläne mit dem Konzern hatten. Als die SPD-Umweltikone Hermann Scheer dann im Sommer die Idee einer „Volksaktie“ für die Bahn ins Spiel brachte, war Mehdorn matt gesetzt. Den Erfolg dieses Konzepts auf dem Hamburger SPD-Parteitag konnte der Bahn-Chef nicht mehr verhindern.

WIE VIEL RÜCKHALT HAT MEHDORN NOCH IM KONZERN?

Die Führungskräfte der Bahn sind auf ihren Chef eingeschworen – und auf dessen Vorgabe, einen globalen Logistik- und Verkehrskonzern zu formen. Nur so konnte Mehdorn viele junge Manager für das Unternehmen gewinnen. Mit der alten Bundesbahn beziehungsweise der Reichsbahn der DDR hat die heutige Bahn AG nicht mehr viel zu tun. Allerdings gibt es noch viele alte „Bahner“ in der Belegschaft. Und die sind nach Jahren der Sanierung verunsichert. Beim Stellenabbau, der immerhin ohne betriebsbedingte Kündigungen durchgeführt wurde, ist zwar zurzeit weitgehend Ruhe eingetreten. Die Aussicht auf einen künftigen Börsengang halten viele der einfachen Angestellten aber für eine schwer kalkulierbare Hypothek. Viele trauen Mehdorn nicht über den Weg, auch wenn ein Großteil der Belegschaft kaum Sympathien für die Extratouren der Lokführer hat. Wie groß der Unmut unter den Beschäftigten tatsächlich ist, lässt sich schwer abschätzen – denn nach außen hin treten die großen Bahngewerkschaften Transnet und GDBA im Moment kompromissbereit auf.



WIRD MEHDORN DEN VORSTANDSPOSTEN RÄUMEN MÜSSEN?

In der Vergangenheit half es Mehdorn stets, dass er ein dicker Kumpel von Altkanzler Gerhard Schröder ist. Das Verhältnis zu Angela Merkel ist dagegen deutlich distanzierter. Dennoch verfügt Mehdorn weiterhin über Rückhalt in der Bundesregierung. „Er wird den Auftrag bekommen: Mach so weiter“, heißt es aus Koalitionskreisen. „Dem jetzigen Vorstand wird man das Vertrauen aussprechen.“ Schließlich hätten Mehdorn und seine Kollegen das Unternehmen in einen guten Zustand gebracht. Das vorläufige Scheitern des Projekts Privatisierung könne man dem Vorstand kaum anlasten. In zwei bis drei Jahren werde man sehen, dass das Unternehmen noch wertvoller geworden sei, sollte Mehdorn seine Strategie weiter verfolgen können.

So sicher war die Stellung des Vorstandschefs aber längst nicht immer. Zu rot-grünen Zeiten wurde immer wieder heftig über seine Ablösung spekuliert. Er galt als zu renitent gegenüber den jeweiligen Ministern. Als mögliche Kandidaten galten Handelsmanager aus dem Ruhrgebiet – oder auch der ein oder andere Spitzenpolitiker. Doch Mehdorn blieb – und die Verkehrsminister wechselten.

Einer Ablösung könnte Mehdorn ohnehin sehr entspannt entgegenschauen, jedenfalls materiell. Im kommenden Jahr erreicht der Manager das (konzerninterne) Rentenalter. Trotzdem hatte der Aufsichtsrat seinen Vertrag im Sommer bis 2011 verlängert. Die Begründung: Mehdorn solle die Bahn noch die ersten Jahre nach einer Privatisierung führen.

Mehdorn bleibt indes der Unvollendete.Er kennt das Motto seines Lebens am besten. „Hat immer gekämpft. Hat nie alles erreicht. Das ist sein Schicksal“, so fasst er es zusammen. Und vom Weglaufen hat er nach eigenen Angaben auch noch nie viel gehalten. Ob er im Amt bleibt, wird Mehdorn vorerst also selbst entscheiden können. Und das wird er von einem einfachen Argument abhängig machen: ob er auch ohne Börsengang genug Geld bekommt, um den Konzern weiter international auszubauen.

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