Deutsche Bahn : ICE-Probleme ziehen sich bis 2012

Die Bahn und die Hersteller einigen sich auf den Einbau neuer Achsen – bis dahin müssen die Kunden geduldig sein.

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Neue deutsche Welle. Die Achsprobleme und der Winter haben zu massiven Verspätungen bei der Bahn geführt. Doch die Industrie...dpa

Berlin - Die Einschränkungen im Fernverkehr der Deutschen Bahn werden sich noch bis ins Jahr 2012 ziehen. So lange werde es dauern, bis in alle ICEs neue Achsen eingebaut seien, sagte der Technikvorstand des Konzerns, Volker Kefer, am Donnerstag in Berlin. Bis dahin werde man alles versuchen, um genügend Züge für den täglichen Betrieb zu bekommen. „Wir sind uns nicht zu fein, auch im Ausland nachzufragen“, sagte Kefer.

Zuvor hatte sich die Bahn mit dem französischen Alstom-Konzern auf den Austausch aller 1872 Achsen der 67 Neigetechnik-Züge vom Typ ICE T geeinigt. Sie verkehren unter anderem auf der Strecke von Hamburg über Berlin und Leipzig nach München. Alstom muss nun die Achsen neu konstruieren, beim Eisenbahn-Bundesamt (EBA) zulassen und produzieren lassen. Mit Siemens, dem Systemführer beim ICE 3, hatte sich die Bahn bereits im Herbst 2009 auf einen Austausch der Achsen von 70 Zügen geeinigt. Die Industrie müsse ihren Teil der Vereinbarung „so schnell wie möglich umsetzen“, forderte Bahn-Chef Rüdiger Grube. Bis dahin ändere sich für die Kunden nichts. „Bahnfahren ist und bleibt sicher“, beteuerte er.

Auslöser war ein Unfall eines ICE 3 im Sommer 2008 im Kölner Hauptbahnhof, bei dem eine Achse gebrochen war. Das EBA verpflichtete den Staatskonzern daraufhin, Räder und Achsen zehnmal häufiger als ursprünglich vorgesehen zu überprüfen. Dabei wurden auch in Achsen von ICE-T-Zügen zwei Risse entdeckt. Die aufwendigen, jeweils mehrere Stunden dauernden Tests in den Bahn-Werkstätten führten in den vergangenen Monaten zu Kapazitätsengpässen – der Bahn fehlten zwölf Reservezüge für den normalen Betrieb. Oft musste sie statt Doppel-ICEs nur Einzelzüge fahren lassen. Gelegentlich setzte sie sogar nur lokbespannte Züge ein. Die Neigetechnik bei den ICE-T-Zügen musste sie auf Anweisung des EBA ohnehin abschalten. Der Winter sorgte zusätzlich für Pannen, so dass es zu massiven Verspätungen kam.

Alstom ist verantwortlich für die Drehgestelle des ICE T. Die Achsen hatte der TGV-Hersteller von einem Lieferanten aus Italien bezogen. Den Austausch werde man so abstimmen, „dass es nur geringe Einschränkungen bei der Pünktlichkeit gibt“, sagte Kefer. Die Bahn rechnet damit, dass der Austausch 2011 beginnen kann – mehr als einen Zug pro Woche werde man aber nicht schaffen, hieß es.

Dem Konzern ist durch die Probleme mit den Achsen ein Schaden in dreistelliger Millionenhöhe entstanden – durch die aufwendige Prüfung, Umsatzrückgänge und nötige Ersatzteile. Allein der Austausch der ICE-T-Achsen koste mehr als 50 Millionen Euro, sagte Kefer. Welchen Anteil davon die Bahn und welchen Alstom übernimmt, mochte er nicht sagen.

Bahn-Chef Grube hatte nach der Pannenserie der vergangenen Monate das Thema Qualität und Zuverlässigkeit zur obersten Priorität erklärt. Entsprechend hatte er die Verhandlungen mit der Industrie über die Achsen zur Chefsache gemacht. Sein Vorgänger Hartmut Mehdorn hatte den Herstellern mit Schadenersatzforderungen gedroht und Ultimaten gestellt. Nun hieß es aber, ein derartiges Vorgehen, etwa eine Klage, hätte die Lösung des Problems noch weiter verzögert.

Bis die neuen Achsen eingebaut sind und die Bahn zum normalen Fahrplan zurückkehren kann, werde sie alles unternehmen, um die Verfügbarkeit ihrer Züge zu erhöhen. „Wir ziehen sämtliche Register“, sagte Kefer. So zog die Bahn kürzlich von den Verbindungen von Stuttgart und Frankfurt am Main nach Paris zwei ICEs ab, stattdessen fahren dort nun französische TGVs. Sogar sechs seit Jahren wegen Mängeln abgestellte Diesel-ICEs reaktiviert die Bahn derzeit. Neue Züge kann die Industrie nicht liefern – der Vorlauf ist zu kurz. „Ich würde liebend gerne 20 ICEs kaufen, wenn ich denn welche bekäme“, hatte Grube kürzlich in Berlin gesagt.

Das Staatsunternehmen will aus dem Desaster mit den Achsen Konsequenzen ziehen. Nicht erst bei der Abnahme wolle man zukünftig neue Fahrzeuge inspizieren, sondern bereits in der Bau- und Konstruktionsphase mit den Herstellern zusammenarbeiten. Dies werde der Beginn einer „neuen Qualität der Zusammenarbeit“, hoffte Technik-Chef Kefer. Bei der Nachfolgegeneration für die IC-Flotte, für die voraussichtlich Siemens im Sommer den Zuschlag bekommen wird, arbeitet die Bahn bereits eng mit den Konstrukteuren des Elektrokonzerns zusammen. Dies komme erheblich billiger, als erst im Nachhinein mögliche Fehler zu beheben.

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