Wirtschaft : Deutsche Bahn: Mehdorn warnt vor Chaos

asi/brö

Der Vorstandschef der Deutschen Bahn befürchtet ein "reines Chaos", wenn das Schienennetz unabhängig von der Bahn betrieben wird. Die Bahn ohne Netz sei "fremdbestimmt" und habe keine Chance auf einen erfolgreichen Börsengang, sagte Mehdorn im Gespräch mit dem Tagesspiegel. Der Bahnchef heizt damit den Streit mit Verkehrsminister Kurt Bodewig an, der das Schienennetz von der Bahn trennen möchte. "Wenn Sie der Post die Briefkästen und die Postboten wegnehmen, ist sie pleite, und die Telekom ohne Festnetz auch", sagte der Bahnchef. Falls die Bahn das Netz verliere, "muss der Steuerzahler das bezahlen".

Mehdorn, der seit zweieinhalb Jahren an der Spitze der Bahn steht, kündigte für die kommenden Wochen die Präsentation eines neuen Preissystems an. Das Bahnfahren "insgesamt wird nicht teurer". Künftig werde es nur noch wenige überschaubare Tarife geben. "Wer in Stoßzeiten fahren will, zahlt den Vollpreis, wer zu anderen Zeiten fährt, kann deutlich billiger buchen." Zu den wirtschaftlichen Perspektiven der Bahn sagte der Vorstandsvorsitzende, sein Unternehmen sei noch immer ein "Sanierungsfall". Das werde sich auch nur ändern, "wenn wir uns auf das Bahngeschäft konzentrieren, alte Zöpfe abschneiden und den Behördenmuff vertreiben". Der Umbau sei auch mit unpopulären Botschaften verbunden wie beispielsweise dem Personalabbau. "Aber wir werden besser. Mit jedem Tag", sagte der Bahnchef. Dass sich die Bahn in einem schwierigen Zustand befindet, lastet Mehdorn dem Eigentümer an. Der Bund habe sechzig Jahre lang die Verantwortung für die Bahn gehabt, "aber dem Auto gehuldigt".

Der geplanten Trennung von Schiene und Netz werde er sich vehement widersetzen, weil kein Verkehrssystem eine solche Einheit bilde wie Rad und Schiene. "Zu welchen Ergebnissen eine Trennung von Netz und Betrieb führt, zeigt das Beispiel England - reines Chaos", sagte Mehdorn. Anders als im Straßen- oder Flugverkehr gebe es bei der Bahn ein untrennbares Rad-Schiene-System. Ein Zug werde nicht vom Lokführer, sondern vom Netz gesteuert und bekomme zum Beispiel zwischen Hamburg und München rund 7000 Fahrbefehle von außen. "Bei uns fahren Züge mit 280 und mit 60 Stundenkilometern auf einer Schiene, es gibt enge Fahrpläne und ein komplexes Steuerungs-, Sicherheits- und Signalsystem - und zwar sowohl im Zug als auch in der Schiene", das könne man nicht von einander trennen. Im Übrigen kontrollierten alle erfolgreichen Bahnen der Welt - in der Schweiz, in Neuseeland oder in Japan - das Netz selbst. Erst vor wenigen Tagen hatte die Bahn eine Studie vorgelegt, wonach das Unternehmen zusätzliche Kosten bis zu 1,6 Milliarden Mark im Jahr zu verkraften hätte, wenn das Netz abgetrennt würde.

Mehhorn sagte ferner, dass die Bahn gerne in Berlin mit der BVG und der S-Bahn "so schnell wie möglich" ein gemeinsames Unternehmen gründen wolle, um ein integriertes Nahverkehrssystem anzubieten. "Leider ist der Senat von Berlin im Moment mit anderen Dingen beschäftigt."

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