Deutsche Bahn : Milliarden für die Insel

Deutsche Bahn greift nach britischer Arriva – obwohl sie zu Hause mit großen Problemen kämpft.

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Auf Schienen ins Königreich. Arriva ist Marktführer in Großbritannien - ihr Kauf soll der Bahn die führende Position in Europa...Foto: dpa

Berlin - Der Plan der Deutschen Bahn, für bis zu zwei Milliarden Euro den britischen Verkehrskonzern Arriva zu kaufen, stößt in der Politik auf heftige Kritik. „Es fehlt Geld für die Schiene – wenn die Bahn nun für Milliarden im Ausland einkauft, ist das kaum zu vermitteln“, sagte Winfried Hermann (Grüne), Vorsitzender des Bundestags-Verkehrsausschusses, dieser Zeitung am Donnerstag. Er warf Bahn-Chef Rüdiger Grube „Wortbruch“ vor, weil dieser erklärt hatte, sich vorerst auf die Probleme der Bahn im Inland zu konzentrieren.

Die Bahn erklärte, dass sie Arriva eine Offerte für eine Übernahme in bar unterbreitet habe. Die Gespräche liefen aber noch und es sei völlig offen, ob und wann die Bahn ein konkretes Angebot unterbreiten werde, hieß es im Umfeld des Aufsichtsrats. Im Gespräch soll derzeit ein Angebot im Wert von 1,55 Milliarden Euro sein. Für das Vorhaben hat die Bahn die Investmentbank Lazard engagiert.

Womöglich zögen sich die Verhandlungen noch über Monate, hieß es. Finanzkreisen in Frankfurt am Main zufolge ist der Kauf von Arriva „eine einmalige Chance für die Bahn“. Es würde Jahre dauern und noch mehr Geld kosten, aus eigener Kraft ein Geschäft von der Größe Arrivas in Großbritannien aufzubauen. Angesichts der Wirtschaftskrise sei das Unternehmen vergleichsweise günstig zu haben. Eine Person, die mit dem Plan vertraut ist, sagte, die Übernahme werde vermutlich über Schulden finanziert. Die Arriva-Aktie zog am Donnerstag in London zeitweise um fünf Prozent an.

Der Zukauf wäre die erste wichtige Weichenstellung des neuen Vorstandschefs Rüdiger Grube, der seit Mai 2009 im Amt ist. Allerdings hatte er in den vergangenen Wochen stets betont, zunächst einmal die Eisenbahn, die er „unser Brot- und Buttergeschäft“ nennt, in Ordnung zu bringen. Die Bahn hatte in den vergangenen Monaten bei der Berliner S-Bahn sowie im Fernverkehr große Probleme, weil bei vielen Zügen technische Probleme auftraten. Zudem hatte Grube als eines der wichtigsten Ziele ausgegeben, die „scheiß Schulden“ von knapp 16 Milliarden Euro abzubauen. Außerdem wollte der Manager die in jüngerer Zeit gekauften Firmen besser in den Konzern integrieren. Zu den übernommenen Firmen gehören der Logistiker Schenker, der US- Transporteur Bax, die Güterbahnen Transfesa (Spanien), PCC (Polen) und EWS (Großbritannien). Auch einen Regionalzug-Anbieter auf der Insel hatte die Bahn gekauft.

Im Aufsichtsrat hieß es dagegen, die Bahn müsse bei Arriva unbedingt zum Zug kommen – schon, um nicht den Franzosen die Chance zu einem neuerlichen Anlauf zu bieten. Nach der Einschätzung des Konzerns wird es auf dem europäischen Transportmarkt in den kommenden Jahren zu einem starken Konzentrationsprozess kommen. Auch die französische Staatsbahn SNCF hatte kürzlich einen Vorstoß für eine Arriva-Übernahme unternommen, war aber gescheitert. Der ehemalige Monopolist Bahn sieht sich in Deutschland wachsender Konkurrenz ausgesetzt, im Regional-, Fern- und Güterverkehr, auf der Schiene ebenso wie auf dem Busmarkt.

Grünen-Verkehrsexperte Hermann riet vom Kauf ab. „Ich fürchte, die Bahn übernimmt sich.“ Es gebe viel zu tun, den Zugverkehr hierzulande zu verbessern, doch die Managementkapazitäten des Konzerns seien endlich. „Den Schaden hätten Bahn-Kunden in Deutschland.“

Im sieben Milliarden Euro schweren Markt für Regionalverkehr in Deutschland würden die Karten neu gemischt, übernähme die Bahn Arriva. Das Geschäft hierzulande werde die Bahn auf Druck des Kartellamtes wohl abgeben müssen, sagte ein Branchenkenner. Im Regionalverkehr kommt sie trotz der Konkurrenz in den vergangenen Jahren noch auf mehr als 80 Prozent Marktanteil.

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