Deutsche Bahn : Neue Sorgen?

Vorstand warnt Belegschaft vor „erheblichen Risiken“ für den Konzern, doch die Gewerkschaften sind misstrauisch und sehen die anstehende Tarifrunde als tatsächlichen Sorgengrund.

Carsten Brönstrup
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Bedrohter Erfolgskurs: Die Bahn entwickelt sich gut, doch vor den Tarifverhandlungen wird vor Gefahren gewarnt.Foto: picture-alliance

Berlin - Die Deutsche Bahn stimmt ihre Belegschaft auf schlechtere Zeiten ein. Es gebe „erhebliche Risiken für unsere wirtschaftliche Position in 2009 und darüber hinaus“, schrieb der Personalvorstand Norbert Hansen an die Vorsitzenden der drei Bahn-Gewerkschaften Transnet, GDBA und GDL. In dem Brief, der dieser Zeitung am Montag vorlag, verweist Hansen zur Begründung auf die „Krise der Weltfinanzmärkte“, die zunehmend auf die Realwirtschaft übergreife. Dies bedeutet eine deutliche Änderung der eigenen Einschätzung durch die Bahn-Spitze.

Hansen lädt die drei Gewerkschaftsvorsitzenden Lothar Krauß (Transnet), Klaus-Dieter Hommel (GDBA) und Claus Weselsky (GDL) mit dem Schreiben zu einem Treffen an diesem Mittwoch in Frankfurt am Main ein. Von den „drastisch eingetrübten konjunkturellen Aussichten sei auch die Bahn „in ihren Kernaktivitäten“ betroffen. Der Vorstand wolle die Gewerkschaften über die Lage unterrichten „und die sich daraus ergebenden Perspektiven mit Ihnen besprechen“, wie es in dem Brief weiter heißt. Hansen war noch bis Mai selbst Vorsitzender der größten Gewerkschaft Transnet, bevor er zur Bahn wechselte.

Bei den Arbeitnehmervertretern stieß die Beurteilung durch den Ex-Kollegen auf Kopfschütteln. „Das ist ein sehr durchsichtiges Manöver“, hieß es in Gewerkschaftskreisen. „Bisher hieß es stets, alles sei rosarot.“ Ein so plötzlicher Schwenk in der Lage des Unternehmens könne kaum stattgefunden haben. Tatsächlich hatte noch vor zehn Tagen Konzern-Chef Hartmut Mehdorn ein deutlich positiveres Bild seines Unternehmens gezeichnet. „Die Deutsche Bahn fährt trotz Finanzkrise weiter auf Erfolgskurs“, hatte Mehdorn in einer Presseerklärung zu den Geschäftszahlen für das dritte Vierteljahr mitgeteilt. Er hatte zwar zugleich von einer „schwierigen konjunkturellen Lage“ gesprochen, die Arbeitsplätze im Konzern aber als sicher bezeichnet.

Der Brief Hansens wird denn als Reaktion auf die hohe Tarifforderung der Gewerkschaften für die im Januar anstehende Lohnrunde gewertet. Transnet und GDBA, die als Tarifgemeinschaft auftreten, hatten vergangene Woche zehn Prozent mehr Geld für die 150 000 Beschäftigten im Inland gefordert. Die Lage des Staatskonzerns sei „mehr als gut“, hatten sie zur Begründung angeführt. Die Lokführergewerkschaft GDL, die gesonderte Verhandlungen mit der Bahn anstrebt, will sich Anfang Dezember auf eine Forderung festlegen. Es wird erwartet, dass sie auf keinen Fall weniger als Transnet und GDBA verlangt. Die Friedenspflicht läuft Ende Januar aus.

Der Brief ist außerdem ein Beleg für den schwierigen Spagat, den die Bahn-Spitze vollziehen muss. Einerseits versucht sie wie jedes Unternehmen, die Lohnsteigerung für die Belegschaft in Grenzen zu halten – denn das Ergebnis der letzten, umkämpften Tarifrunde kam sie teuer zu stehen. Andererseits strebt Mehdorn weiter den Einstieg privater Investoren an – denen er gute Zahlen präsentieren muss. Auf seiner Werbetour bei Investoren hatte er stets betont, die Bahn sei als Logistiker wenig anfällig für Konjunkturschwankungen, da Passagiere und Fracht nicht vom einen auf den anderen Tag auf Alternativen ausweichen könnten.

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