Deutsche Bahn : Wenn der Chef schnüffeln lässt

Die Konflikte des Jahres. Wer Unternehmen, Öffentlichkeit und Regierung in Atem hielt: Die Deutsche Bahn.

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Rauchende Köpfe im Kanzleramt. Am 28. Mai verhandeln der damalige Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg, Außenminister...dpa

Es begann an einem trüben Januartag mit einer kleinen, scheinbar harmlosen Meldung. Die Deutsche Bahn habe einige Hundert ihrer Führungskräfte ausforschen lassen, weil sie die Manager der Korruption verdächtige, hieß es. „Grundsätzliche Bedenken“ dagegen hätten die zuständigen Datenschützer nicht gehabt, teilte der Staatskonzern lapidar mit. Ein paar Monate später waren aus der kleinen Meldung große Schlagzeilen geworden: Mehrfach und über Jahre hatte die Bahn mehr als 200 000 der eigenen Leute überprüfen lassen, ohne deren Wissen und ohne erkennbaren Grund. Und selbst in intimen Daten herumgestöbert.

Der Auslöser war Ende der 90er Jahre der Kampf gegen Korruption gewesen, ein Übel, das den Konzern schon lange Zeit Millionensummen gekostet hatte, weil Beschäftigte und Auftragnehmer die Bahn etwa bei Bauprojekten übers Ohr zu hauen pflegten. Bei den Ermittlungen ging das Unternehmen nicht zimperlich vor: Es beauftragte Detekteien, die sich auf illegalem Weg Kranken-, Steuer- oder Kontodaten der vermeintlich Verdächtigen beschafften.

Damit nicht genug. Nicht nur der Weg des Geldes wurde verfolgt, auch nach Informationen suchten die Schnüffler von der Bahn. Und zwar nach solchen, die ungeplant das Unternehmen verließen. Im großen Stil überwachte der Konzern den E-Mail-Verkehr der Beschäftigten und fischte Mails heraus, die sich mit bestimmten Themen befassten oder an missliebige Adressaten gingen – in Politik, Wissenschaft oder Medien. Womöglich gab es weitere Schnüffeleien – die Unterlagen darüber waren aber merkwürdigerweise nicht mehr auffindbar.

Herausgekommen war all das nur nach und nach, durch die Arbeit von Justiz und Sonderermittlern. Bahn-Chef Hartmut Mehdorn kostete das Misstrauen gegenüber seiner Mannschaft den Job. Nachfolger Rüdiger Grube baute das komplette Management um. So wacht nun ein Anti-Korruptions-Vorstand darüber, dass in dem 235 000 Menschen zählenden Konzern alles rechtens abläuft. Ob überhaupt jemand für die Schnüffelei wird geradestehen müssen, ist unklar. Berlins Datenschützer haben von der Bahn ein Bußgeld von einer Million Euro verlangt. Zudem haben Manager aus der zweiten und dritten Reihe ihre Posten verloren. Ob sie vor Gericht müssen, ermittelt die Justiz. Die Vorstände aber wollen von den Machenschaften nichts gewusst oder sie angeordnet haben. Einige beziehen sogar weiter Geld von der Bahn, als sei nichts geschehen. Auch neue Gesetze für den Datenschutz, von Gewerkschaftern wie Transnet-Chef Alexander Kirchner auf dem Höhepunkt der Affäre gefordert, lassen auf sich warten. brö

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