Wirtschaft : Deutsche Bahnindustrie: Eine Branche in Schwierigkeiten

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Unmittelbar vor der Eröffnung der Verkehrstechnikmesse Innotrans an diesem Dienstag in Berlin schlagen die Vertreter der Schienenfahrzeugindustrie Alarm: Die Finanznot der Deutschen Bahn und der im Frühjahr diesen Jahres von Bahnchef Hartmut Mehdorn verhängte Auftragsstopp bringe die Branche mit ihren bundesweit noch knapp 40 000 Beschäftigten zunehmend in die Schieflage, warnte der Präsident des Verbandes der Deutschen Bahnindustrie (VDB), Peter Witt, am Montag. Die Aufträge der Deutschen Bahn AG seien teilweise um bis zu 80 Prozent zurückgegangen, ein weiterer Stellenabbau sei programmiert. "Die Lebensfähigkeit der gesamten Branche ist bedroht", sagte Witt. Auch die Gewerkschaften machen mobil: Die IG Metall hat für den heutigen Dienstag eine Großkundgebung vor dem Messegelände mit Beschäftigten aus dem gesamten Bundesgebiet angemeldet.

Die deutsche Schienenfahrzeugindustrie sei noch immer "die Nummer 1" auf der Welt", sagte Witt. 1999 erzielte sie weltweit einen Umsatz von 18 Milliarden Mark, knapp 14 Milliarden Mark wurden davon in Deutschland produziert. Mit einem Anteil von 50 Prozent der Bestellungen bleibe die Deutsche Bahn aber noch immer der mit Abstand wichtigste Großkunde im Inland, "und darauf können wir auch nicht verzichten", sagte der Verbandschef. Der Ausfall der Bahn könne auf Dauer nicht durch Auslandsaufträge kompensiert werden, zumal bei diesen Aufträgen ein hoher Anteil lokaler Fertigung verlangt werde. "Um Arbeitsplätze und Know-how zu halten, brauchen wir eine starke Inlandsbasis", sagte Witt.

Doch da sieht es düster aus. In den vergangenen Jahren sind die Auftragseingänge der Industrie kontinuierlich gesunken, von 14,6 Milliarden Mark noch 1995 auf 11,9 Milliarden im vergangenen Jahr. Für dieses Jahr erwartet Witt eine Stabilisierung, weil Großaufträge aus dem Ausland kamen. Von der Deutschen Bahn hingegen seien "lang angekündigte Bestellungen" wie die Folgeaufträge für den ICE-3 oder den Neigetechnikschnellzug ICT ausgeblieben, laufende Aufträge wurden gekürzt, neue Aufträge verschoben. Dies setze die Industrie erheblich unter Druck, mit einem weiteren Stellenabbau sei zu rechnen.

Schon in den vergangenen Jahren hat die deutsche Schienenfahrzeugindustrie ihre Kapazitäten erheblich abgebaut, allein 15 Prozent der Arbeitsplätze fallen in diesem und im nächsten Jahr weg. Schwierig sei die Lage vor allem für die Waggonbauer und die kleinen und mittelständischen Betriebe, meist Zulieferer der großen Konzerne, die nicht so leicht ins Ausland ausweichen könnten, sagte Witt. Zugleich drängten die ausländischen Konkurrenten auf den deutschen Markt. Große Güterwagenhersteller aus den USA wie Greenbrier oder Thrall hätten sich in Osteuropa niedergelassen. "Das drückt die Preise."

"Was wir brauchen, ist eine Verstetigung der Auftragslage", sagte VDB-Hauptgeschäftsführer, Joachim Körber. "Diese Anpassung wie auf der Achterbahn ist sicher nicht das richtige". Witt wie Körber appellierten an Bahn und Politik, ihrer Verantwortung für den Standort gerecht zu werden. Die Aussichten für die Schienenfahrzeugindustrie seien weltweit günstig, bei der Bahn staue sich jetzt "ein beträchtlicher Nachholbedarf" auf. Sollten diese Aufträge dann auf einen Schlag auf den Markt kommen, "fehlen uns die Leute", warnte Witt.

Ins gleiche Horn bläst auch die IG Metall. Der Stellenabbau in der Branche habe inzwischen "dramatische Ausmaße" angenommen, sagt Heinz Hoffmann, Sekretär der Bezirksverwaltung Berlin, Brandenburg und Sachsen. Bei Adtranz würden allein in Deutschland 1800 Arbeitsplätze gekappt, bei Bombardier/DWA fallen 1200 - rund ein Viertel der Stellen - weg, bei Siemens in Düsseldorf weitere 900. Vor allem aber die geplante Übernahme von Adtranz durch die kanadische Bombardier wird, sollte sie zu Stande kommen, weitere Arbeitsplätze in Deutschland kosten. Sollte der Verkehrsminister nicht bald die Wende in der Verkehrspolitik vollziehen, "haben wir bald keine Bahnindustrie mehr, die dies realisieren kann."

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