Wirtschaft : Deutsche Bank bekommt einen starken Mann

Rolf Obertreis

Über 16 Monate lang hat sich Josef Ackermann ganz betont im Hintergrund gehalten. Kein öffentlicher Auftritt, keine Gespräch mit Journalisten. Zwar ist der 53-jährige Schweizer schon im September 2000 als Nachfolger für den derzeitigen Vorstandssprecher Rolf Breuer bestimmt worden. Aber Breuer amtiert noch bis zur Hauptversammlung im Mai. Da sollen keine Irritationen aufkommen. Doch jetzt ist es mit der Ruhe vorbei.

Ackermann wird sich nicht mehr verstecken können. Denn der erste Ausländer an der Spitze der größten deutschen und europäischen Bank wird so stark und mächtig sein wie bislang kein Vorstandssprecher vor ihm. Dafür sorgt eine neue Struktur an der Spitze des Instituts: Neben dem Vorstand, den Ackermann als Sprecher leiten wird, gibt es künftig ein praktisch gleichberechtigt aufgestelltes Exekutivkomitee, das ebenfalls von Ackermann geführt wird.

Während der von acht auf fünf Köpfe verkleinerte Vorstand zentrale Funktionen übernimmt, ist das Exekutivkomitee für die Steuerung des operativen Geschäftes zuständig. Hier sitzen neben den fünf Vorständen auch die sieben Leiter der globalen Geschäftseinheiten. "Dort wird viel Einfluss angesiedelt", sagt ein Deutsch-Banker. Darunter finden sich die beiden seit Anfang 2001 faktisch eigenständigen Bankeinheiten mit dem Investmentbanking und Firmenkundengeschäft (CIB) sowie dem Privatkundengeschäft und der Vermögensverwaltung (PCAM).

Umbau lange vorbereitet

Damit steht fest: "Joe", wie er in der Bank genannt wird, Ackermann wird künftig der entscheidende Mann in der Deutschen Bank. Dem neuen Konzernvorstand sollen daneben Tessen von Heydebreck für Personal, Clemens Börsig für Finanzen, Hermann-Josef Lamberti als Chief Operating Officer und Thomas Fischer als Chief Risk Officer angehören. Trotzdem ist der weitere organisatorische Umbau an der Spitze keine Revolution, sondern eher die logische Fortsetzung der von Breuer, mit Unterstützung von Ackermann und von Aufsichtsratschef Hilmar Kopper, bereits im April 1998 mit der faktischen Einsetzung eines Holding-Vorstandes und der Ausweisung von fünf Geschäftsfeldern eingeleiteten Umstrukturierung der Bank. Anfang 2001 wurde sie mit der Aufstellung in zwei Teilbanken - CIB und PCAM - fortgesetzt. Insofern sind Gerüchte über einen Streit zwischen den drei Bankern mit Vorsicht zu genießen. "Die Änderungen wurden schon vor der Jahreswende einvernehmlich entschieden", sagt ein bestens informierter Deutsch-Banker. Gleichwohl sorgen die regelmäßigen Umbauten an der Spitze für Unruhe, zumal mit dem neuen Konzept die Vorstandsmitglieder an Einfluss verlieren.

Schon seit längerem beklagen Breuer, Kopper und Ackermann die Zwänge des deutschen Aktienrechts. Danach trägt der Vorstand die Gesamtverantwortung für die Geschäfte. Jeder größere Kredite etwa muss von allen abgesegnet werden. Wenn einer der Manager Mist baut, stehen alle für ihn gerade. Und decken ihn. "Dieses Prinzip halte ich für falsch", sagt Breuer. Vorstände müssten sich dadurch mit Dingen beschäftigen, "die sie gar nicht gelernt haben, die sie gar nicht kennen wollen und für die sie die Verantwortung nicht übernehmen wollen."

Auch im weltweiten Geschäft gereicht diese Struktur, sagen Analysten, der längst global aufgestellten Deutschen Bank nicht zum Vorteil. Sie muss sich internationalen Anforderungen anpassen und eigentlich einen Chief Executive Officer (CEO) an die Spitze stellen. Das aber geht nach deutschem Recht nicht. Also sucht die Bank mit dem Exekutivkomitee einen anderen Weg. "Die Bank braucht klare Führungsstrukturen", sagt ein Branchenkenner. "Das ist auch eine Grundvoraussetzung für bessere Geschäfte."

Ob sie den neuen Weg allerdings gehen kann, steht noch nicht fest. Das Bundesaufsichtsamt für das Kreditwesen (BaKred) muss zustimmen. Dort werden die Pläne derzeit geprüft, wie Pressesprecherin Sabine Lautenschläger bestätigt. "Unsere Meinungsbildung ist noch nicht abgeschlossen. Schließlich ist dies ein einmaliger Vorgang." Bis wann das BaKred eine Entscheidung fällt, will sie nicht sagen. Breuer und Ackermann hoffen, dass es schnell geht. Am 31. Januar wollen sie die neue Struktur auf der Bilanz-Pressekonferenz offiziell verkünden.

Kein Umzug an die Themse

Eine Verlagerung der Zentrale der Deutschen Bank von Frankfurt nach London ist entgegen allen Spekulationen allerdings kein Thema. "Unsinn", sagte Breuer erst wieder am Montag beim Neujahrsempfang der Frankfurter IHK. "Der Sitz der Deutschen Bank bleibt in Frankfurt". Auch Ackermann will an Mainhattan festhalten. Die Stärke und die Verankerung der Bank in Deutschland müssten bleiben. Freilich: Als globale Bank ist auch die Deutsche Bank vor allem mit Blick auf das Investmentbanking in London und New York mit mehreren tausend Mitarbeitern verankert. Für das Privatkundengeschäft allerdings bleibt Deutschland und Euroland die entscheidende Adresse. Und in Frankfurt sitzt, auch für die Deutsche Bank nicht unwichtig, schließlich die Europäische Zentralbank (EZB). Im übrigen wissen Breuer, Ackermann und Kopper zu gut, dass sich gerade die Deutsche Bank aus Imagegründen die Abkehr von ihrem Heimatland nicht leisten kann. "Ein Umzug an die Themse - das wäre ein schlechtes Signal und ein klassisches Eigentor", sagt ein Privatbanker.

Effizienter führen

Die Banken in Deutschland bauen ihre Vorstände - die Führungsspitze - um und passen damit ihre Führungsstrukturen internationalen Gegebenheiten an. Die Deutsche Bank steht mit ihrer neuen Struktur daher nicht allein. Es geht vor allem darum, den Vorstand effizienter zu machen und Kompetenzen zu bündeln.

Auch wenn es mit dem deutschem Aktiengesetz nur bedingt zu vereinbaren ist, wird insbesondere die Position des Vorstandssprechers gestärkt. Bisher gilt er in den meisten Fällen als eine Art "primus inter pares", als erster unter Gleichberechtigten. Nach dem so genannten Kollegialprinzip sollten Entscheidungen im Vorstand einvernehmlich getroffen werden. Doch wächst jetzt die Rolle des Vorstandssprechers, der einem Chief Executive Officer (CEO) immer ähnlicher wird. Der CEO ist in angelsächsischen Unternehmen letztlich dafür verantwortlich, dass die vom Vorstand beschlossene Strategie umgesetzt wird. Und in Firmen ohne Vorstand legt er die Strategie fest. Der CEO steht eindeutig an der Spitze des Unternehmens. Sichtbar wurde diese Veränderung zuletzt bei der Dresdner Bank, die ihren bisherigen Vorstandssprecher Bernd Fahrholz nun auch offziell Vorsitzender des Vorstandes nennt.

Allerdings geht der Umbau der Bankvorstände nicht ohne Reiberen zwischen den bisherigen Mitglieder vonstatten. Denn die Gremien werden im Zuge der Umstrukturierung in der Regel auch verkleinert. Und kaum ein Vorstandsmitglied gibt freiwillig Macht ab.

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