Wirtschaft : Deutsche Bank beruft „Mr. Deutschland“

Branchenprimus besinnt sich auf den Heimatmarkt und bekommt einen eigenen Vorstand für Privat- und Firmenkunden im Inland

Henrik Mortsiefer,Rolf Obertreis

Frankfurt am Main/Berlin - Die Deutsche Bank besinnt sich ihrer Wurzeln und stärkt das Geschäft im Heimatmarkt Deutschland. Eine Schlüsselrolle wird dabei Jürgen Fitschen spielen, der künftig im erweiterten Vorstand der Bank die Gesamtverantwortung für das Deutschlandgeschäft trägt. Auf einer Klausurtagung der Deutschen-Bank-Spitze in Nizza kürte Vorstandschef Josef Ackermann Fitschen am Dienstag zum „Mr. Deutschland“ des Branchenführers. Eine Rolle, die es im elfköpfigen Exekutivkomitee, dem eigentlichen Machtzentrum der Bank, so bisher noch nicht gab. Zugleich wurde das Investmentbanking, das 70 Prozent der Erträge erwirtschaftet, mit einer Doppelspitze aus Michael Cohrs und Anshu Jain versehen.

Bei Bankexperten und Verbänden wurde die Stärkung des Inlandsgeschäfts auch als Signal für die Unternehmen hier zu Lande interpretiert. Die Deutsche Bank wolle glaubhaft machen, dass ihr ramponiertes Image bei Privat- und kleineren Firmenkunden unbegründet sei, hieß es. Mittelständler hatten sich in der Vergangenheit häufig beklagt, dass sich die privaten Großbanken aus der Unternehmensfinanzierung zurückgezogen hätten, um sich dem Investmentbanking oder vermögenden Privatkunden zuzuwenden.

„Jede Entwicklung, die in eine andere Richtung weist, begrüßen wir“, sagte Stefan Beißwenger, Mittelstandsexperte beim Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI), dem Tagesspiegel. „Es ist viel Porzellan zerschlagen worden. Vertrauen muss erst wieder aufgebaut werden.“ Gerade der industrielle Mittelstand, der auf dem Sprung ins internationale Geschäft sei, habe einen hohen Finanzierungsbedarf und sei auch für eine große Geschäftsbank interessant. Dabei gehe es nicht nur um die Gewährung von Krediten. „In den Köpfen der Mittelständler ist viel passiert“, sagte Beißwenger und wies auf die Nachfrage nach Finanzierungsformen wie Private-Equity hin.

Mit den Veränderungen im erweiterten Vorstand der Deutschen Bank, dem so genannten Group Executive Committee, wird nach Ansicht von Branchenkennern zugleich der Einfluss von Vorstandschef Ackermann gestärkt. „Er scheint nach dem Mannesmann-Prozess nun das Heft das Handelns bei der Bank wieder in der Hand zu haben“, sagte Mark Wahrenburg, Inhaber des Lehrstuhls für Bankbetriebslehre an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt. Mit der Installierung von Fitschen verbinde Ackermann die strategische Botschaft: Der Kunde ist König. Fehler der Vergangenheit, wie die kurzzeitige Strategie, die Privatkunden in die Bank24 auszugliedern, dürften sich jetzt nicht wiederholen.

Insgesamt habe die Bank die „Globalisierungsphase hinter sich“. Als international bedeutendes Emissions- und Handelshaus habe sie sich etabliert. Nun werde der Heimatbasis wieder mehr Aufmerksamkeit geschenkt. „Die Deutsche Bank tut das, was eigentlich normal ist: Sie lässt die Kunden, die die Bank groß gemacht haben, nicht fallen.“ Zugleich signalisiere sie, dass das Geldinstitut kein – wie das britische Magazin „Economist“ unlängst titelte – „riesiger Hedgefonds“ sei, der zu hohe Risiken im Wertpapierhandel eingegangen sei.

Ackermann verbindet Insidern zufolge mit der Neuverteilung der Verantwortung an der Spitze der Bank die Hoffnung, dass die Bank 2005 die angestrebte Eigenkapitalrendite von 25 Prozent erreicht. Der Bankchef erklärte am Dienstag, die Bank werde jetzt „Ertrags- und Kostensynergien erschließen“. In Deutschland habe man „eine Struktur geschaffen, die durch die enge Koordination aller Bereiche einen verbesserten Auftritt in unserem wichtigen Heimatmarkt sicherstellt“, sagte Ackermann. „Es hat lange gedauert, aber inzwischen hat auch der Schweizer Ackermann die Bedeutung des deutschen Marktes erkannt“, hieß es dazu aus der Bank.

Jürgen Fitschen leitet ab sofort das neue Management Committee Deutschland – dessen Zusammensetzung allerdings noch offen ist – und ist zugleich Chef der weltweiten Regional-Einheiten. „Es ist gut, wenn es eindeutige Führungsstrukturen gibt“, sagte Dieter Hein vom Analystenhaus Fairesearch. „Allerdings sollte man die Veränderungen nicht überbewerten. Entscheidend ist ob Ackermann die Ziele erreicht und ob es wirklich etwas bringt.“ An der Börse wurde die Vorstandsneuordnung begrüßt: Die Aktie der Deutschen Bank stieg bis zum Abend um 1,6 Prozent auf 60,57 Euro. mit HB

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