Wirtschaft : Deutsche Bank steht zu Frankfurt

ro/dr

Der Vorstand der Deutschen Bank ist am Dienstag zusammengetroffen, um über die neue Führungsstruktur des Konzerns und die vorläufigen Zahlen für das Geschäftsjahr 2001 zu beraten. Entscheidungen würden aber noch nicht gefällt, erklärte ein Banksprecher auf Anfrage. Er verwies auf die Aufsichtsratssitzung am kommenden Mittwoch. Einen Tag später würden dann auf einer Pressekonferenz die vorläufigen Zahlen bekanntgegeben und auch zur neuen Führungsstruktur Stellung genommen. Der Sprecher dementierte erneut die Absicht, den Unternehmenssitz von Frankfurt (Main) nach London zu verlegen. Auch eine Rücktrittsdrohung des Vorstandsmitglieds Thomas Fischer (Risk Management) habe es nicht gegeben.

Gleichwohl, allein das Gerücht den Firmensitz an die Themse verlegen zu wollen, sorgt am Main für Aufregung. Aber bei vielen Bankern auch für schnelles Abwinken. Auch bei ausländischen. Dennoch ist man am Main nachdenklicher geworden. Zwar hat die Commerzbank im vergangenen Herbst ihr neues Handelszentrum bezogen, auf der Baustelle der Deutschen Bank wächst der geplante Handelsraum jeden Tag ein paar Meter weiter in die Höhe und gegenüber ist der Glasbau der Dresdner Bank bezugsfertig. Freilich: Die neuen Gebäude wurden Mitte der neunziger Jahre geplant als es als unvorstellbar galt, dass die Dresdner Bank von der Allianz geschluckt oder die Commerzbank zum Übernahmekandidat würde.

Aber verliert Frankfurt deshalb an Boden gegenüber London? Zahlen dokumentieren eine gewaltige Diskrepanz: London zählt rund 600 000 Banker, das wären etwa zehn Mal so viel wie in Frankfurt. Während an der Themse 1999 ein Aktienvermögen von gut 2,4 Billionen Dollar verwaltet wurde, waren es in Frankfurt nur 310 Milliarden Dollar. Einheimnische Banker mögen allein deshalb Sympathie für London hegen.

Investmentbanker von der Insel oder auch aus den USA sehen das durchaus entspannter. Für sie hat der Platz am Main in den letzten Jahren an Statur gewonnen. "Die sogenannten weichen Faktoren stimmen", sagt einer. Das fange an bei der "erstaunlichen" Dienstleistungsszene mit Anwaltskanzleien, Werbe- oder PR-Agenturen. Und das höre nicht auf bei internationalen Schulen, kurzen und guten Verkehrsverbindungen und schnellen Wegen ins Grüne. Für Banker, sagt ein intimer Kenner der Szene aus einem großen internationalen Investmenthaus, sei Frankfurt alles andere als eine Strafkolonie, sondern ein höchst interessanter Platz. Auch Top-Leute wollten ganz bewusst von New York an den Main wechseln.

Aber auch einheimische Banker, wie etwa Ulrich Ramm, Chef-Volkswirt der Commerzbank, halten die Aufregung für übertrieben. Frankfurt könne sich durchaus sehen lassen, auch wenn es den Abstand zu London selbst in 20 oder 30 Jahren kaum werde verringern können. "Da wird immer eine deutliche Lücke klaffen." Aber Frankfurt hat nach Ansicht von Ramm seine Stellung durchaus ausgebaut, auch wegen der EZB und weil etwa die Deutsche Börse London auf dem Terminmarkt mittlerweile überflügelt hat.

Auch Deutsche Bank-Vorstandssprecher Rolf Breuer steht zu seiner Stadt. Als einziger der Großbanker wohnt er sogar in Frankfurt. Erst jüngst hat er sich wieder im Projekt "Metropolitana" engagiert, mit dem die ganze Rhein-Main-Region einen großen Schritt nach vorne gehen soll.

Auch für die ausländischen Banker bleibt Frankfurt ein wichtiger Standort. Die US-Investmentbank Goldman Sachs beschäftigt derzeit fast 500 Mitarbeiter in Frankfurt. 40 neue sind 2001 dazu gekommen. "Unsere Klientel will nicht, dass wir morgens rein- und abends wieder rausfliegen", sagt Pressesprecher Peter Dietlmaier.

Trotzdem hat Frankfurt auch in den Augen ausländischer Banker gravierende Nachteile: Nur 17 Prozent Einkommensteuer müssen Banker in London abführen. In Frankfurt sind es 45 Prozent und mitunter noch mehr.

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