Wirtschaft : Deutsche Bank steigt zum innovativen Außenseiter auf

CHRISTOPHER RHOADS

Jahrelang stand die Deutsche Bank für den Status quo in Deutschland.Sie nutzte ihre Einflußmöglichkeiten, um Bankreformen wie die Begrenzung der Industriebeteiligungen von Banken zu blockieren.Sie ging mit der Regierung in Bonn konform - ein früherer Vorstand diente gleichzeitig dem Kanzler Helmut Kohl als persönlicher Wirtschaftsberater.Das hat sich geändert: Die Deutsche Bank bietet nunmehr das Bild eines innovativen Außenseiters.Sie sträubt sich gegen die politischen und wirtschaftlichen Bedingungen in Deutschland.Rolf Breuer, seit 1997 Vorstandschef der Deutschen Bank, hat die Steuerpläne der neuen Bonner Regierung als "schädlich" bezeichnet und Vorschläge für eine Reform des veralteten zweistufigen Bankensystems in Deutschland unterbreitet.

Was ist passiert? "Der Wettbewerbsdruck, vor allem durch die Amerikaner, hat zugenommen", sagte Breuer am Rande des Weltwirtschaftsforums in Davos."Seitdem sie die Europäische Wirtschafts- und Währungsunion entdeckt haben und sich auf den Euro vorbereiten, haben sie der deutschen Wirtschaft gezeigt, daß es Alternativen zur Hausbank gibt".Der Begriff Hausbank bezieht sich auf Banken, die zu ihren Firmenkunden über Unternehmensbeteiligungen feste Beziehungen haben.

Kurz gesagt: Die Deutsche Bank steht in einem Modernisierungsprozeß.Unzählige Schritte der Bank im vergangenen Jahr lassen schlußfolgern, daß das bisherige Bankensystem in Deutschland und Europa im Absterben ist.Die Universalbank mit ihren Beteiligungen an Firmenkunden und dem Vollangebot aller Produkte und Dienstleistungen unter einem Dach ist zu einer Bankrott-Vorstellung geworden.Um in Zukunft erfolgreich zu sein oder um schlichtweg überleben zu können, entwickelt die Deutsche Bank eine neue Organisationsstruktur, auch wenn diese natürlich größtenteils auf dem traditionellen deutschen Fundament aufbaut.Die grundsätzliche Frage für die Bank ist nun, wieviel vom Alten zugunsten des Neuen aufgegeben werden muß.

Die sichtbarste Veränderung bei der 129jährigen Institution: der Kauf der amerikanischen Investmentbank Bankers Trust für 10,1 Mrd.Dollar und Schaffung der größte Bank weltweit mit einer Bilanzsumme von 830 Mrd.Dollar.Analysten und Anleger kritisierten die Akquisition, halten sie doch die amerikanische Bank für alles andere als einen Idealkauf des deutschen Geldleihers.Unterdessen verzögert sich die Unternehmensübernahme durch Bedenken der amerikanischen Kartellbehörde.Breuer verteidigt weiterhin den Kauf von Bankers Trust, indem er ihn eine notwendige "Finanzspritze" für das Unternehmen nennt, wobei die Identität und die Marke der Deutschen Bank gewahrt bleibe.

Auch in anderen, gleichfalls wichtigen Punkten verändert sich die Deutsche Bank.Statt politische Reformbemühungen um eine Begrenzung der erlaubten Industriebeteiligungen der Banken und damit eine Einschränkung des Bankeneinflusses auf den Unternehmenssektor zu bekämpfen, hat die Deutsche Bank im vergangenen Dezember freiwillig ihre Beteiligungen im Wert von etwa 24 Mrd.DM ausgegliedert und daraus eine eigenständige Einheit gebildet.Andere deutsche Finanzunternehmen sind dem Beispiel gefolgt.Gewandelt hat sich auch die ehemals starke Verbindung zur politischen Macht.Die Beziehung der Deutschen Bank zur neuen linken Regierung kann kaum als kameradschaftlich bezeichnet werden.

Das neue Ziel der Deutschen Bank: europäischer Marktführer im Privat- und Firmenkundengeschäft, im Depotgeschäft und Investmentbanking zu werden.Das ist nicht wenig.Aber die überholten europäischen Universalbanken wie die Deutsche Bank scheinen keine andere Wahl zu haben, wenn sie es mit den Top-Banken Amerikas aufnehmen wollen.Wenn sie ihre Kunden halten wollen, müssen die europäischen Banken mehr als ein vertrautes Gesicht bieten, nämlich auch Produkte und internationale Präsenz."Amerikaner haben in Europa bei den Produkten und die Europäer bei der Kundenbeziehung einen Vorsprung", sagt William Harrison, Vizevorstand im Geschäftskundenbereich bei Chase Manhattan."Sachverstand bei den Produkten ist meiner Erfahrung nach ausschlaggebender."

Eine der Maßnahmen der Deutsche Bank: der Abbau von etwa 8500 oder elf Prozent ihrer Arbeitsplätze.Dies geschieht im Zuge eines Restrukturierungsplanes, den die Deutsche Bank im vergangenen Jahr angekündigt hat, um klarere Zuständigkeitsbereiche für die größten Geschäftsbereiche zu schaffen und die Effizienz zu erhöhen.Weitere 5500 Arbeitsplätze will die Deutsche Bank im Zusammenhang mit der Übernahme von Bankers Trust abbauen, wobei der Personalabbau auf beiden Seiten, vor allem in New York und London, stattfinden soll.

Weiterhin hat Deutsche Bank-Chef Breuer innerhalb der Bank neue Kommunikationskanäle geschaffen.Er ermutigt unter anderem Angestellte, sich per E-mail direkt an ihn zu wenden.Das neue Motto ist Verantwortlichkeit."Ich habe angekündigt, daß das Sowjetunion-Verhalten des Zentralkommitees - jeder ist präsent, aber niemand verantwortlich - jetzt ein Ende hat", sagt Breuer.Das will er durch die Auflösung der traditionellen Universalbank zugunsten einer "multi-spezialisierten Bank" bewerkstelligen.Gemeint ist damit eine neue Organisationsstruktur, die einer "virtuellen Holdinggesellschaft" ähnelt.Die verschiedenen Bereiche sollen als nahezu unabhängig voneinander als getrennte Unternehmensbereiche mit eigenem Management und eigener Kostenrechnung geführt werden.

Die größte Herausforderung für den 61jährigen Breuer ist jedoch, wie erfolgreich er Bankers Trust in die Deutsche Bank eingliedert - und das ist auch seine Hinterlassenschaft, wenn sein Vertrag in drei Jahren ausläuft.Probleme gibt es reichlich, angefangen von verfahrenstechnischen Fragen bis hin zur Strategie und Unternehmenskultur.Kurzfristig könnten die Entschädigungsforderungen gegenüber der Deutschen Bank wegen ihrer Rolle im Zweiten Weltkrieg die Zustimmung der Kartellbehörde verzögern.Möglicherweise erhält die Deutsche Bank erst im Jahr 2000 den Bescheid - das wäre ein teurer Rückschritt, der die Integration und die Kosteneinsparungspläne der Bank in Frage stellen.Mittelfristig muß die Deutsche Bank dafür sorgen, daß sie sich ihren nun geschaffenen Stützpunkt in den USA erhält.Mit Zahlungen im Wert von 400 Mill.Dollar an 350 Topmitarbeiter von Bankers Trust will sie eine Abwanderung der Belegschaft bei der übernommenen Bank verhindern.Und langfristig ist die Deutsche Bank mit der entscheidenden Frage konfrontiert, wie sie ihren neuen amerikanischen Stützpunkt ausbauen wird.Bankers Trust bietet ihrem neuen Eigentümer nicht die Kompetenzen im Merger und Acquisition-Bereich, welche die Deutsche Bank seit langem anstrebt.Daher spekuliert man, daß die neue Bank Topnamen von Wall Street-Unternehmen rekrutieren wird.Breuer weist solche Spekulationen allerdings zurück: "Wir sind sehr zufrieden mit dem, was wir haben", sagt er."Die Belegschaft von Bankers Trust ist sehr stark." Offensichtlich ist die Bank nicht bereit, ihre Brieftasche wie in der Periode zwischen 1994 und 1997 zu öffnen, als sie Talente der Wall Street für etwa drei Mrd.DM für den Aufbau ihrer Plattform Morgan Grenfell einkaufte.Weitere Schwierigkeiten, die Breuer bei der Integration von Bankers Trust umschiffen muß: die unterschiedlichen Führungsstrukturen in deutschen und amerikanischen Banken anzugleichen und das Spezialwissen von Bankers Trust nach Europa zu bringen.

Nicht zu vergessen ist Europa.Im neuen Euroland zählt die Größe eines Unternehmens.Noch ist Frankreich ein "weißes Loch" im europäischen Netzwerk der Deutschen Bank.Breuer hat im Zusammenhang mit der jüngsten Bankenfusion in Frankreich kein Geheimnis aus seinem Wunsch gemacht, daß er dies ändern will.Zunächst stehen Italien und Spanien im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit des Strategieabteilung der Deutschen Bank.Die Beteiligung an den italienischen Banken Unicredito und Banca Commerciale Italiana als "Finger im Pudding".Die beiden Banken über die Beteiligungen der Deutschen Bank zusammenzuschließen, hält Breuer für "eine Möglichkeit".Innerhalb von Deutschland sind Fusionen mit anderen Banken solange nahezu unmöglich, wie die Struktur des öffentlichen Bankensektors nicht verändert wird, sagt Breuer.Trotz ihrer internationalen Aktivitäten hält die Deutsche Bank nur fünf Prozent am deutschen Privatkundengeschäft - etwa soviel wie ihre Konkurrenten Dresdner Bank und Commerzbank.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben