Wirtschaft : Deutsche Börse plant Milliardendeal in USA

Derivatebörse ISE soll übernommen werden

Rolf Obertreis

Frankfurt am Main - Nach mehreren gescheiterten Anläufen zur Übernahme der Londoner Börse und nach der Fusion der wichtigen Konkurrenten New York Stock Exchange (NYSE) mit der Pariser Euronext steht die Deutsche Börse jetzt vor ihrer ersten großen Übernahme: Für rund 2,8 Milliarden Dollar – gut zwei Milliarden Euro – werden die Frankfurter zusammen mit ihrem Partner, der schweizerischen SWX, bis zum Jahresende die International Securities Exchange (ISE) in New York übernehmen.

Das sieben Jahre alte Unternehmen hat sich auf den vollelektronischen Handel mit Aktienoptionen spezialisiert und gilt als weltgrößte Börse ihrer Art. „Damit bauen wir unsere führende Position im weltweit schnell wachsenden Derivatemarkt aus. Dieser Vertrag ist für uns ein Meilenstein“, sagte der Deutsche Börse-Chef Reto Francioni am Montagabend nach der Zustimmung des Aufsichtsrates zu dem Coup der Deutschen Börse. Die Zustimmung der Aktionäre der ISE gilt als Formsache.

Auch nach Ansicht von Analysten und Börsianer ist die Übernahme für die Deutsche Börse ein wichtiger Schritt nach vorne. Sie festige ihre ohnehin schon starke Position im Terminhandel. „Und sie hat jetzt einen Fuß auf dem wichtigen US-Markt“, sagt Fidel Helmer, Börsenchef beim Bankhaus Hauck & Aufhäuser. Der Kauf soll über die Eurex, die gemeinsam von der Deutschen Börse und der Schweizerischen Börse betriebene weltgrößte Terminbörse, abgewickelt werden. Die Frankfurter zahlen rund 1,5 Milliarden Euro, finanziert durch einen Überbrückungskredit und durch liquide Mittel. Die Schweizer steuern knapp 600 Millionen Euro bei.

Börsenchef Reto Francioni sorgte am Montagabend mit der Bekanntgabe der Übernahmepläne für eine faustdicke Überraschung. Er stand allerdings auch unter starkem Druck, weil ihm im vergangenen Jahr der Zusammenschluss mit der Vier-Länder-Börse Euronext in Paris misslungen war. Der Handel mit den Aktien der Deutsche Börse AG wurde am Montag ausgesetzt, der Kurs der ISE-Aktie schoss im Börsenhandel in New York um gut 46 Prozent auf fast 67 Dollar nach oben. Der geplante Kaufpreis der Deutschen Börsen entspricht allerdings sogar einem Kurs von 67,50 Dollar pro ISE-Aktie.

Mit der Ende Mai 2000 gegründeten ISE kaufen die Frankfurter ein Unternehmen, das 2006 bei einem Umsatz von 178 Millionen Dollar einen Gewinn von stolzen 55 Millionen Dollar erwirtschaftete. Die ISE wickelt in den USA rund ein Drittel des Handels mit Aktienoptionen ab.

In den vergangenen fünf Jahren hatte die ISE ihr Handelsvolumen um 55 Prozent erhöht. Mittlerweile betreiben die New Yorker auch eine Aktienbörse. Eurex und ISE gelten derzeit als die wachstumsstärksten Unternehmen der Branche. Francioni und ISE-Chef David Krell rechnen mit Synergien in Höhe von 50 Millionen Dollar pro Jahr durch eine höhere Effizienz und durch einen deutlich höheren Umsatz. Die Hälfte davon soll bis 2010 umgesetzt werden, bis 2012 sollen die gesamten 50 Millionen Dollar pro Jahr zusätzlich erwirtschaftet werden. Bis zum Spätherbst wollen beide Seiten die Übernahme unter Dach und Fach gebracht haben. Analysten lobten den Deal. In der Branche zähle vor allem Größe, hieß es. Die großen Börsen können den Unternehmen niedrigere Preise anbieten.

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