Wirtschaft : Deutsche Filmindustrie: Es bleibt ein Risikogeschäft

Reinhard Kleber

Die Berlinale-Eröffnung fiel ins Wasser: Der Film "Duell - Enemy at the Gates" wurde von der Kritik verrissen. Für die Kinoauswertung des Monumentalfilms von Jean-Jacques Annaud bahnt sich in Deutschland Ungemach an - auch für Bernd Eichingers Verleih Constantin, der das künstlerisch misslungene Stalingrad-Epos am 15. März in die Kinos bringt. Obwohl das mit Stars gespickte "Duell" 180 Millionen Mark kostete und damit der teuerste europäische Film aller Zeiten war, sehen die Produzenten und Finanziers den Trubel gelassener.

Der Stuttgarter Filmfonds KC Medien AG teilte schon am 1. Februar mit, er wolle nach der Kooperation bei "Duell" seine "erfolgreiche Zusammenarbeit" mit der US-Produktionsgesellschaft Mandalay Pictures fortsetzen. Mandalay erhielt den Auftrag, einen weiteren internationalen Spielfilm herzustellen. In Reginald Hudlins "Servicing Sara" spiele Hugh Grants Ex-Freundin Liz Hurley, die bereits in "Austin Powers" vor der Kamera stand, neben zahlreichen anderen Hollywood-Stars die Hauptrolle. Roland Pellegrino, der Vorstand der KC Medien AG, sieht in dem Scheidungsdrama "einen kommerziellen Stoff mit Top-Besetzung, der wieder auf den internationalen Markt ausgerichtet ist."

Solche internationalen Produktionen mit Starbesetzung erfreuen sich auch bei den Filmfonds wachsender Beliebtheit. 2,3 Milliarden Mark haben deutsche Investoren 1999 in Medienfonds eingezahlt - mit steigender Tendenz im vergangenen Jahr. Nach Angaben der Berliner Filmförderungsanstalt (FFA) wanderte im Jahr 2000 jede fünfte Mark aus deutschen Filmfonds in Hollywood-Produktionen. Für FFA-Vorstand Rolf Bähr war das "filmpolitisch sicher nicht gewollt". Die Banken hätten aber "offenbar gut verdient".

Kurz vor der Berlinale hatte die FFA darauf hingewiesen, dass in den vergangenen Jahren dank der Fondsfinanciers und des gestiegenen Eigenkapitals börsennotierter Medienfirmen deutsche und deutsch-internationale Kassenschlager produziert wurden. So hat der 1999 gedrehte "Asterix und Obelix", bei dem auf Deutschland und Frankreich je 40 Prozent und auf Italien 20 Prozent der Kosten entfielen, europaweit 200 Millionen Mark Kinoumsatz gemacht - "mehr als alle deutschen Filme 1999 zusammen". Auch die 2000 gestarteten Filme "Der kleine Vampir" und "The Million Dollar Hotel" sowie der Dokumentarfilm "Buena Vista Social Club" erzielten weltweit ein höheres Box-Office als alle deutschen Filme im Jahr 2000 im Inland. Die Filmförderungsanstalt leitet daraus die Prognose ab: "Ein gleiches oder ähnliches Ergebnis" könne von "Duell" erwartet werden.

Eine mutige Vorhersage, berücksichtigt man den Umstand, dass Film ein Risikogeschäft ist und sich Kassenhits und -flops nicht absehen lassen. Dies gilt umso mehr, seit die Bundesregierung durch Änderungen im Steuerrecht Medienfonds als Steuersparmodelle weitgehend trockengelegt hat. Filmfonds sind heute praktisch unternehmerische Beteiligungen, die von der Renditeerwartung leben und privates Risikokapital in die Filmbranche lenken sollen.

Wegen der vielen Risikofaktoren warnen Insider Investoren dann auch vor Engagements in Fonds mit zu vielen Unbekannten. "Für den langfristigen Erfolg von Filmfonds reicht Geld allein nicht aus", betont Rudolf Wiesmeier, Geschäftsführer der Münchner Fondsgesellschaft Hollywood Partners Management GmbH, "Branchen-Know-how und Kontakte zu den Entscheidungsträgern in der Filmindustrie sind ausschlaggebend."

Wiesmeier, der bei dem Spielfilm "Quills" als Executive Producer fungierte, verspricht diese Faktoren zu bieten, und führt als Beleg an, dass "Quills" aus zwei hauseigenen Fonds mitfinanziert wurde. Als Koproduzenten könnten die Investoren seines Fonds von den Umsätzen in der Kette der Rechteverwertung vom Kino bis zu DVD in den deutschsprachigen Ländern profitieren und zudem anteilsmäßig an den Erträgen anderer Länder inklusive der USA partizipieren.

Nicht nur skeptische Kulturpolitiker, sondern auch die deutschen Filmförderer beobachten den steten Abfluß von Fondsgeldern nach Hollywood mit Unbehagen. Gerade die Förderer, die sich seit Jahren redlich bemühen, den deutschen Film aufzupäppeln, sehen ihr eigenes Engagement konterkariert, wenn die Fonds-Investoren gleichsam die US-Studios unterstützen, mit denen die deutschen Produzenten und Verleiher hierzulande tapfer um Marktanteile im Kinogeschäft ringen. Dass purzelnde Aktienkurse manch ehrgeizige Pläne der Börsenüberflieger zurechtgestutzt haben, stärkt indirekt wieder den Einfluss der Förderer.

In einem Interview zum zehnjährigen Bestehen der Filmstiftung NRW konstatierte dessen scheidender Geschäftsführer Dieter Kosslick, künftig Leiter der Berlinale: "Der Auftragsexplosion der privaten Fernsehanbieter ist in den letzten beiden Jahren der Goldrausch an der Börse gefolgt, aber dort scheinen die Goldminen mittlerweile auch schon wieder erschöpft." Die Konsequenz: Das Kapital der Filmfonds und börsennotierter Medienunternehmen macht die herkömmliche Filmförderung nicht überflüssig. Diese sei vielmehr nach wie vor "eine normale Quelle der Filmfinanzierung und wird es bleiben."

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben