Deutsche Firmen reagieren auf Katastrophe in Japan : Nichts wie weg

Unternehmen bringen ihre Mitarbeiter außer Landes oder in den Süden der Insel. Auch viele deutsche Medien haben ihre Korrespondenten aus Tokio angezogen.

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Willkommen zu Hause. Ein junges Mädchen begrüßt am Frankfurter Flughafen ihre Tante aus Tokio. Auch viele Deutsche, die in Japan arbeiten, sind bereits in ihre Heimat zurückgekehrt.
Willkommen zu Hause. Ein junges Mädchen begrüßt am Frankfurter Flughafen ihre Tante aus Tokio. Auch viele Deutsche, die in Japan...Foto: dapd

Berlin - Sie haben großes Glück gehabt: Die Mitarbeiter der meisten deutschen Unternehmen in Japan sind trotz Erdbeben und Tsunami unversehrt geblieben. Auch die Schäden bei deutschen Konzernen wie Siemens, Bosch oder BMW halten sich bisher in Grenzen.

Grund zum Aufatmen gibt es aber noch lange nicht: Nach weiteren Explosionen im verunglückten Atomkraftwerk Fukushima bedroht eine radioaktive Wolke den Großraum Tokio mit rund 35 Millionen Einwohnern. Am Dienstag wurden nahe der Metropole, die rund 240 Kilometer von dem Kraftwerk entfernt liegt, erhöhte Strahlenwerte gemessen. Zudem werden Lebensmittel und Trinkwasser knapp. Die Unternehmen fliegen weiter deutsche Mitarbeiter aus, viele japanische Angestellte werden in den Süden umgesiedelt, der als sicherer gilt.

Der Autobauer BMW hat bisher 60 Deutsche – Mitarbeiter sowie Angehörige – über die Stadt Osaka ausgeflogen. Insgesamt arbeiten 40 Deutsche in Japan für den Autobauer, der dort ein Entwicklungsbüro und eine Vertriebsgesellschaft betreibt. „Bisher ist keiner unserer Mitarbeiter zu Schaden gekommen, auch unsere Gebäude sind unbeschädigt“, sagte ein Sprecher. BMW helfe den Beschäftigten, Unterkünfte im Süden zu finden, sagte Firmenchef Norbert Reithofer am Dienstag bei der Bilanzpressekonferenz. Zudem versprach er Soforthilfe, über die Höhe machte er aber keine Angaben.

Auch der Autozulieferer Bosch bemüht sich, seine deutschen Angestellten außer Landes zu bringen. 210 Mitarbeiter und Angehörige seien bereits zurückgekehrt, 40 seien auf Flüge gebucht. „50 der 130 deutschen Mitarbeiter wollen aber in Japan bleiben“, sagte ein Sprecher. Bosch beschäftigt in dem Land 8000 Menschen an 36 Standorten. Am Dienstag ruhte dort die Produktion. Am Vortag waren die Werke noch in Betrieb gewesen.

Bei Daimler wurde die in Japan ansässige Nutzfahrzeugproduktion in dieser Woche ausgesetzt. Alle der knapp 13 000 Mitarbeiter an acht Produktionsstandorten sind nach Konzernangaben unverletzt geblieben, die rund 60 Deutschen sind bis auf wenige Ausnahmen ausgereist. Der Autobauer VW organisierte am Dienstag ebenfalls einen Flug nach Deutschland. Alle 1100 Mitarbeiter seien unversehrt, teilte ein Sprecher mit. Auch an den Gebäuden sei kein Schaden entstanden. Der Stahlkonzern Thyssen Krupp hat bereits 200 Mitarbeiter nach Hause geholt. Auch den rund 2500 Siemens-Beschäftigten in Japan – davon 100 Ausländer – ermöglicht der Konzern, das Land zu verlassen.

Der Softwarehersteller SAP und der Chip-Produzent Infineon räumen derzeit ihre Büros und bringen die Mitarbeiter und Familien im Süden des Landes in Sicherheit. SAP hat ein Hotel für seine 1100 Mitarbeiter angemietet, Infineon bietet seinen 100 Angestellten aus Tokio an, in Vertriebsstandorte im Süden umzuziehen. Bisher sind nach Unternehmensangaben aber nur 20 Infineon-Beschäftigte auf das Angebot eingegangen. Auch der Spezialchemiekonzern Lanxess hat sein Büro in Tokio vorübergehend geschlossen. Die Mitarbeiter im Land seien aber wohlauf, die drei japanischen Standorte des Konzerns unbeschädigt, teilte das Unternehmen mit. Der Chemiekonzern BASF empfahl seinen knapp 1750 Beschäftigten, zu Hause zu bleiben. Die Hauptverwaltung in Tokio bleibt vorerst geschlossen, die Produktion wurde heruntergefahren. Auch die Sportartikelhersteller Puma und Adidas wollen Büros und Geschäfte zunächst geschlossen halten.

Doch nicht überall stehen die Bänder still. „Wir können ganz normal produzieren, es gibt keine Stromengpässe“, sagte eine Sprecherin des Pharma- und Chemiekonzerns Bayer. Die Gebäude seien nicht beschädigt. Bayer betreibt vier Produktionsstandorte im Westen und Südwesten des Landes mit knapp 3700 Mitarbeitern. Den 25 deutschen Kollegen sei es freigestellt, ob sie das Land verlassen wollten. „Die meisten sind vor Ort geblieben, weil sie als Führungskräfte gebraucht werden“, sagte die Sprecherin. Den Mitarbeitern in Tokio biete man an, nach Osaka zu wechseln. Die Deutsche Bank will dagegen ihre 1100 zumeist japanischen Mitarbeiter vorerst in Tokio lassen. Viele deutsche Medien haben dagegen bereits Korrespondenten aus Tokio abgezogen. Die meisten Reporter von ARD, ZDF und RTL sind nach Osaka ausgewichen. Für den Notfall stehen ihnen Flüge zur Verfügung.

Die Berliner Humboldt-Universität (HU) holt Studierende und Forscher aus Japan zurück. „Wir übernehmen die Kosten für den Rückflug“, sagte Präsident Jan-Hendrik Olbertz. Die Hälfte hätte sich am Mittwoch auf den Weg gemacht. Die HU stellte 32 000 Euro für die Flugtickets bereit. (mit -ry, vis, rtr)

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