Wirtschaft : Deutsche Großbanken halten die russische Flagge hoch

ROLF OBERTREIS

FRANKFURT (MAIN) .Die Börse prügelt die Aktien deutscher Banken derzeit in den Keller, stärker noch als andere Papiere.Allein die Deutsche Bank-Aktie hat in den letzten Tagen fast ein Drittel ihres Wertes eingebüßt.Liegen die Börsianer tatsächlich richtig, dann müßten die Gewinne der deutschen Banken in diesem Jahr recht deutlich einbrechen, weil sie nicht mehr viel von ihrem an Rußland ausgeliehenen Geld wiedersehen.Doch das scheint übertrieben.Analysten in Frankfurt rechnen im schlimmsten Fall mit einem Rückgang der Gewinne um zehn Prozent.

Das Risiko in Rußland hat die Deutsche Bank - genauso wie die anderen deutschen Großbanken - jedenfalls schon immer begrenzt.Ohne Netz und doppelten Boden fädeln deutsche Kreditinstitute in Rußland keine Geldgeschäfte ein.Bei aller Sorge um die wirtschaftliche und vor allem die soziale und politische Entwicklung in Rußland können deutsche Großbanker, bei allem was bis jetzt bekannt ist, mit Blick auf ihre eigenen Bilanzen die Entwicklung im Riesenreich relativ gelassen betrachten.Gemessen an ihren gesamten Ausleihungen sind ihre wirklich gefährdeten Russen-Kredite mehr als verkraftbar.1,8 Mrd.DM im Verhältnis zu einem gesamten Kreditvolumen von 1,2 Billionen sprechen eine klare Sprache.

Gleichwohl: Es geht um viel Geld und es geht um einen Partner, der auch und vor allem den deutschen Banken in Zukunft noch viele Geschäfte bescheren soll.Traditionell sind deutsche Geldhäuser für Moskau ein wichtiges Tor Richtung Westen.Das war unter Breschnew genauso wie unter Gorbatschow oder heute unter Jelzin.

Heute sind die deutschen Großbanken mit rund 55 Mrd.DM - von umgerechnet insgesamt etwa 320 Mrd.DM Auslandsschulden - mit Abstand größter Gläubiger Rußlands, wie Jürgen Conrad, Rußland-Experte der Deutsche Bank Research betont.Im Gegenzug allerdings haben russische Banken und Firmen an deutsche Banken Forderungen von rund 7 Mrd.DM.Netto schuldet Moskau den deutschen Kreditinstituten also rund 48 Mrd.DM.Dazu gehören auch Altschulden der ehemaligen Sowjetunion, für die im Oktober 1997 ein langfristiges Umschuldungsabkommen ausgehandelt wurde.Die Bedienung von Außenständen in Höhe von 22 Mrd.Dollar wurde auf mehrere Jahre gestreckt, Rußland verschaffte sich damit eine willkommene Atempause.Von einem "neuen Verhältnis Rußlands zu den internationalen Kapitalmärkten" war sogar euphorisch die Rede.Die Euphorie ist längst verflogen.

48 Mrd.DM sind ein stolzer Batzen und doch ist das bei weitem nicht das Risiko, das die deutsche Banken schultern müssen.Gerade bei Ländern, bei denen Schwierigkeiten drohen, holen sich auch die so liquiden Geldhäuser Hilfe von Vater Staat.90 Prozent dieser 48 Mrd.DM sind durch die staatliche Hermes-Versicherung oder durch Warenbürgschaften gedeckt, rechnet Conrad vor.Wenn Moskau tatsächlich nicht zahlen sollte, springt Bonn und damit indirekt der Steuerzahler in die Bresche.Oder aber Moskau bezahlt nicht mit Geld, sondern begleicht seine Schulden beispielsweise mit Gaslieferungen.Vieles ist denkbar.Damit bleibt unter dem Strich für die Banken nur ein eigenes Risiko von 5 Mrd.DM.1,35 Mrd.DM davon - darunter 750 Mill.DM Altschulden - entfallen auf die Deutsche Bank, 680 Mill.DM auf die Dresdner Bank und 1 Mrd.DM auf die Commerzbank.Die restlichen 2 Mrd.DM teilen sich andere deutsche Geldhäuser.Weil man sich aber in den Banktürmen in Frankfurt schon lange darüber im Klaren ist, daß die Dinge in Moskau alles andere als rund laufen, haben die Banker Rückstellungen für mögliche Ausfälle gebildet.Nach Schätzungen von Experten dürfte die Vorsorgequote bei 60 Prozent liegen.Möglicherweise wird sie jetzt auf 80 Prozent aufgestockt.Diese Vorsorge wiederum drückt den Gewinn und damit die Steuerlast der Banken.Was letztlich also auch der Steuerzahler zu spüren bekommt.

Aber das ist, wie im Laufe der Woche klar wurde, nicht die ganze Wahrheit.Offensichtlich haben zumindest die Deutsche und die Dresdner Bank auch beim Handel mit kurzfristigen, auf Rubel ausgestellten Staatstitel ihre Hände im Spiel.Die Deutsche Bank macht dazu keine genauen Angaben, bei der Dresdner soll es ein zweistelliger Millionenbetrag sein.Auf umgerechnet insgesamt 10 Mrd.Dollar schätzen Experten das Engagement ausländischer Anleger in diesem Segment.60 bis 80 Prozent davon seien wohl verloren.Immerhin 8 Mrd.Dollar.Auch hier müssen deutsche Banken also mit Einbußen rechnen.

Angesichts der chaotischen Verhältnisse in Rußland sprießen allerorten die Spekulationen ins Kraut.Internationale Finanzkreise malen schon ein Horrorszenario: Ausländer könnten durch den Zusammenbruch des russischen Aneihemarktes bis zu 50 Mrd.Dollar verlieren.George Soros, weltweit gefürchteter Spekulant, hat bereits eingeräumt durch die Rußland-Krise 2 Mrd.Dollar verloren zu haben - so viel wie nie zuvor.

Wie soll es weitergehen in Rußland? Deutsche Banker sind eher ratlos.Und sauer zudem, nachdem ihre Vorschläge über eine Schuldenumwandlung am letzten Wochenende von Moskau, aber auch vom Internationalen Währungsfonds (IWF) angeblich abgelehnt wurden.Gleichwohl geben sie die Hoffnung auf eine Lösung für die russische Dauerkrise nicht auf.Immer noch versuchen sie, Zuversicht zu verbreiten: Generell, so heißt es in Frankfurt immer wieder, sei Rußland mit seinen immensen Bodenschätzen, aber auch mit seinem riesigen Markt ein reiches Land.

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