Wirtschaft : Deutsche Großbanken stark in der Krisenregion engagiert

KLAUS C.ENGELEN (HB)

Paribas-Anlyse: Europas Banken drehen in Asien ein großes Kreditrad / Dresdner Bank und Commerzbank dabei / Ausleihungen übertreffen gelegentlich EigenmittelVON KLAUS C.ENGELEN (HB)

FRANKFURT (MAIN). Schon seit geraumer Zeit schlagen Experten wie der Chefökonom der Baseler Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ), William White, oder der frühere Chefökonom von J.P.Morgan, Rimmer de Vries, wegen der hohen Ausleihungen der Banken an die sogenannten "Emerging Markets" Alarm.Unter Hinweis auf die BIZ-Zahlen warnte der Baseler Chefökonom davor, daß die Ausweitung der Bankausleihungen vor allem der europäischen Banken an die aufstrebende asiatische Wirtschaftsregion zu einer Wiederholung des Mexiko-Debakels mit anderen Vorzeichen führen kann.Rimmer de Vries drückte sich noch deutlicher aus: "Was heute unter dem Schlagwort Emerging Markets auf den internationalen Anleihemärkten passiert", so der New Yorker Kapitalmarktveteran im Herbst vorigen Jahres, "kann man nur noch mit einem Kasino vergleichen.Es wird Zeit, daß die verantwortlichen Banken- und Wertpapieraufseher bei diesem Sturz in die Tiefe die Reißleine ziehen." Im letzten vorliegenden Bericht weist die BIZ darauf hin, daß in der zweiten Jahreshälfte 1996 europäische Banken besonders stark ihre Ausleihungen in Richtung Asien ausweiteten.Dabei hatten deutsche Banken ­ vor ihren Konkurrenten aus Frankreich, Großbritannien und den USA ­ die Nase vorn.Im Kontrast dazu schraubten die in der fernöstlichen Region bereits stark exponierten Banken das Tempo ihrer Ausleihungen zurück. Im verstärkten Engagement der europäischen Banken im aufstrebenden Asien sahen die BIZ-Experten den Versuch, stärker in dieser Wachstumsregion Fuß zu fassen.Das scheint den Banken ­ allen voran den "Global Players" aus deutschen Landen ­ denn auch gelungen zu sein.In den beiden Jahren vor dem Zusammenbruch des fernöstlichen Wachstumsbooms stockten insbesondere Europas Banken dort ihre Ausleihungen auf, mit dem Ergebnis, daß die Obligos europäischer Banken an die aufstrebenden asiatischen Länder heute elfmal so hoch liegen wie jene an Mexiko, bevor dort im Dezember 1995 mit der Abwertung des Pesos der Himmel einstürzte.Das geht aus einer umfassenden Studie über die Risiken europäischer Banken in Asien hervor, die Paribas, die führende französische Investmentbank, auf der Grundlage der BIZ-Zahlen, von rund 1000 in den zurückliegenden fünf Jahren durchgeführten Kreditsyndizierungen der Banken sowie nach Gesprächen mit einzelnen Banken erstellte.Dabei haben die Analysten der Paribas die großen nicht-japanischen Banken in der Region ausgeklammert.Sieben von 26 international führenden europäischen Banken, so haben die Paribas-Analysten ausgerechnet, haben heute Ausleihungen an die fünf von der Finanzkrise besonders stark betroffenen asiatischen Schuldenländer (Thailand, Indonesien, Malaysia, Philippinen, Südkorea) plus Hongkong, welche die jeweiligen haftenden Eigenmittel dieser Banken übersteigen.Nach den Paribas-Schätzungen werden europäische Banken bis zu einem Viertel ihrer künftigen Wertberichtigungen auf Problemkredite zur Abdeckung der Verluste von Schuldnern in den Problemländern Asiens benötigen. Wenn die Paribas-Analysten recht behalten, werden besonders die französische Societé Générale, die niederländische ABN-Amro, die Royal Bank of Scotland sowie Dresdner Bank und Commerzbank wegen ihrer hohen Obligos die negative Marktstimmung zu spüren bekommen.Wenn die Pariser Bankanalysten die geschätzten Asien-Obligos und deren Prozentanteile am Eigenkapital für Europas führende Banken publizieren, kann das für die Aktienkurse dieser Institute sehr nachteilig sein. Die seit Jahren schwelende japanische Bankenkrise hat mit dem Zusammenbruch der Yamaichi Securities eine noch bedrohlichere Dimension erreicht.So wollen die Akteure an den Märkten wissen, in welchem Umfang die im aufstrebenden Asien stark exponierten Banken auch noch hohe Japan-Obligos in ihren Büchern führen.Einige der von Paribas vorgeführten Banken mit hohen Asien-Obligos haben bereits mit Gegendarstellungen reagiert.So erklärte das für Asien zuständige Vorstandsmitglied der Dresdner Bank AG, Gert Häusler: "Die Paribas-Schätzungen sind viel zu hoch gegriffen." So reiche das von Paribas für Südkorea mit 1,993 Mrd.Dollar angegebene Gesamtobligo "gerade einmal an rund 700 Mill.DM heran".Dabei handele es sich um die in Südkorea ausstehenden, an die BIZ gemeldeten langfristigen Kredite.Hinzu käme noch einmal die Hälfte dieses Ausleihevolumens im kurzfristigen Bereich.Nach Häusler sei es kaum möglich, auf der Basis veröffentlichter Kreditsyndizierungen der vergangenen Jahre auf einen aktuellen Kreditbestand zu schließen.Auch müsse der von Paribas für das gesamte aufstrebende Asien (ohne China) auf 10,8 Mrd.Dollar geschätzte Ausleihebestand erheblich nach unten berichtigt werden.Ein Sprecher der WestLB bestritt ebenfalls die Höhe des von Paribas geschätzten Obligos in Südkorea wie in Asien insgesamt.Die extern analysierten Banken dürften nun wie die Dresdner versuchen, die tatsächlichen Zahlen für das jeweilige Land und für die neue Krisenregion auf den Tisch zu legen.Wenn ­ wie in der Paribas-Analyse ­ zwei führende deutsche Banken, nämlich Dresdner und Commerzbank, als im aufstrebenden Asien besonders stark exponiert hingestellt werden, ist unter dem Gesichtspunkt der Schadensbegrenzung möglichst schnelle Aufklärung geboten. Gewiß mögen die von Paribas zusammengetragenen Zahlen über die Höhe der Obligos europäischer Banken hier und da mit Fragezeichen zu versehen sein.Doch zeigen solche Analysen der Bankrisiken in der neuen Krisenregion auf, wie schnell ein bedrohlich hoher Teil des Eigenkapitals einer einzelnen Bank zur Deckung möglicher Problemkredite auf fernen Märkten in Anspruch genommen werden kann.Damit scheint der J.P.-Morgan-Veteran Rimmer de Vries recht zu bekommen."Bald werden wir", sagte er vergangenen Herbst, "bei den Banken wieder die Höhe ihrer Obligos in Asien oder Lateinamerika in Prozenten des Eigenkapitals ins Visier nehmen müssen." Damit haben die Analysten der Paribas nun begonnen.Dafür, daß ausgerechnet Frankreichs angeschlagener Crédit Lyonnais Südkorea-Obligos in den Büchern führt, die 66 Prozent ihres Eigenkapitals erreichen, haben die Paribas-Analysten eine simple Erklärung parat: Der Crédit Lyonnais habe so geringe Eigenmittel, daß seine Außenstände in Südkorea prozentual so hoch zu Buche schlagen.Nach den Paribas-Berechnungen erreichen allein die Südkorea-Ausleihungen der Dresdner Bank und der Commerzbank rund 20 Prozent der haftenden Mittel dieser Banken.Solche Zahlen könnten den Börsenkurs drücken.

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