Wirtschaft : Deutsche Industrie ist topfit

Prognos-Studie: Große Nachfrage nach Investitionsgütern ist gut für das verarbeitende Gewerbe

Dirk Heilmann
Gasturbinen aus Berlin. Die wachstumsstärksten Branchen werden der Studie zufolge die Elektrotechnik und der Maschinenbau sein. Foto: Kitty Kleist-Heinrich
Gasturbinen aus Berlin. Die wachstumsstärksten Branchen werden der Studie zufolge die Elektrotechnik und der Maschinenbau sein....

Düsseldorf - Die Berichte des Internationalen Währungsfonds (IWF) sind in diesem Jahr kein Vergnügen für die Empfänger. Die USA etwa bekamen von der Weltfinanzorganisation eine strenge Ermahnung, dass sie schneller ihre Defizite abbauen müssten. Japan verwarnte der IWF wegen der enormen Schuldenlast. Doch für Deutschland hatten die strengen Aufseher in der vergangenen Woche viel Lob. „Deutschland hat sich vollständig von der Krise erholt und ist jetzt in einer Position, von der die meisten Industrieländer nur träumen können“, schwärmte IWF-Experte Juha Kahkonen.

Die Aussichten des Musterschülers bleiben auch für die kommenden Jahre gut, wie eine Studie des Baseler Forschungsinstituts Prognos belegt. Die Studie, die dem „Handelsblatt“ exklusiv vorliegt, zeigt, dass Deutschland besser für die kommenden zehn Jahre gerüstet ist als die anderen alten Industriestaaten. „Die weltweite Nachfrage nach Investitionsgütern in den kommenden zehn Jahren bleibt hoch“, sagt Prognos-Ökonom Kai Gramke. „Hier ist Deutschland mit seiner industriellen Substanz und Qualifikation sehr gut positioniert.“

Die breit angelegte Studie mit dem Namen „Die industrielle Strukturrevolution“ zeigt, dass die industrielle Basis in Deutschland stärker ist als bei allen seinen Konkurrenten. Sie macht 16 Prozent an der gesamten Wertschöpfung aus – gegenüber nur zehn bis zwölf Prozent in den USA, Großbritannien und Frankreich. Auch die Mobilitätsbranche, die die Hersteller von Autos, Zügen und Flugzeugen einschließt, spielt mit zehn Prozent Anteil eine größere Rolle als in diesen Ländern. Dafür ist die Finanzbranche, die nach ihrer größten Krise nach wie vor weltweit im Umbruch ist, in Deutschland mit nur fünf Prozent Anteil relativ schwach. Diese strukturellen Unterschiede sind ein Teil der Erklärung dafür, dass Deutschland nach der Weltwirtschaftskrise 2008/09 schneller als andere Länder wieder auf die Beine gekommen ist.

Mit Wachstumsraten von 3,6 Prozent in 2010 und voraussichtlich wieder rund dreieinhalb Prozent in 2011 ist Deutschland die konjunkturelle Lokomotive Europas und wächst auch stärker als die USA. Auch ihre Prognosen für 2012 haben Ökonomen in den vergangenen Wochen nach oben korrigiert und liegen jetzt zumeist bei zwei bis zweieinhalb Prozent. Damit erlebt die deutsche Wirtschaft ihre stärkste Wachstumsphase seit dem Wiedervereinigungs-Boom. „Der industrielle Kern der deutschen Wirtschaft ist höchst innovativ und produktiv“, sagt Hanno Brandes, Geschäftsführer der Unternehmensberatung Management Engineers, die die Studie in Auftrag gegeben hat.

Die wachstumsstärksten Branchen in Deutschland werden der Studie zufolge bis 2020 Elektrotechnik und Maschinenbau sein, die unter anderem vom Aufstieg der Erneuerbaren Energien und von Technologien zur Verbesserung der Energieeffizienz in der Industrie profitieren. Den stärksten Zuwachs an Arbeitskräften wird es jedoch im Gesundheitswesen geben. Hier werden laut Prognos bis Ende des Jahrzehnts 500 000 neue Jobs entstehen.

Für die Studie ist Prognos neue Wege gegangen. Das Institut hat die Branchenklassifizierung, die das Statistische Bundesamt für die Analyse der Volkswirtschaft verwendet, über Bord geworfen und ein neues Schema aufgestellt, das aus fünf Sektoren besteht. Die relevante Frage sei heute nicht mehr „Was wird produziert?“ sondern „Wofür wird produziert?“

Anstelle der herkömmlichen drei Sektoren Landwirtschaft, Industrie und Dienstleistungen ergeben sich so fünf Sektoren: „Kernbedarfe“ ist mit einem Anteil von 35 Prozent an der Wertschöpfung der größte. Er enthält alle konsumnahen Bereiche. Der zweitgrößte Sektor ist der der „Transmitter“, also aller Waren und Dienstleistungen, die dazu dienen, produzierte Güter zu den Kunden zu transportieren. Die „Industrielle Basis“ umfasst die Produzenten, die weltweit die Industrie mit Technologien beliefern. Die „Inputs“ reichen von Infrastruktur bis zu Energie. Eine Randerscheinung ist in dem neuen Prognos-Schema der Sektor „Staat“ mit nur vier Prozent der Wertschöpfung. Das liegt daran, dass Prognos alle Funktionen, die privatwirtschaftlich erbracht werden könnten, aus ihm herausnimmt. (HB)

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