Deutsche Konzerne und die Krise : Wachsen, sparen, schlanker werden

Wie deutsche Konzerne auf die Krise reagieren: Metro expandiert, Bertelsmann verschiebt Wachstumspläne, Evonik gibt weniger aus und die Deutsche Bank träumt schon wieder von Gewinn.

Carsten Brönstrup,Alexander Visser
Deutsche Bank
Türme der Zentrale der Deutschen Bank in Frankfurt/Main. -Foto: dpa

Berlin/Essen/Frankfurt am Main/Düsseldorf - Angesichts der Wirtschaftskrise setzen viele deutsche Konzerne neue Prioritäten. Bei den meisten geht es darum, genügend Geld in der Kasse zu halten. Deshalb kürzen sie Investitionen und verabschieden sich von ehrgeizigen Wachstumsplänen – wie etwa der Technologiekonzern Siemens, der Einzelhändler Metro, der Mischkonzern Evonik oder das Medienhaus Bertelsmann am Dienstag erklärten. Nur die Deutsche Bank hat offenbar das Schlimmste hinter sich: Wenn sich die Lage nicht verschlimmere, könne es 2009 wieder einen Gewinn geben, schrieb Vorstandschef Josef Ackermann.

KRISE TRIFFT NUN AUCH SIEMENS

Auch der bisher so stabile Siemens-Konzern kann sich der weltweiten Konjunkturkrise nicht länger entziehen. Wegen des Nachfrageeinbruchs im Industriegeschäft und der schwierigen Lage in der Medizintechnik bereitet der Technologiekonzern seine Anleger auf unangenehme Nachrichten vor. „Seit Januar ist das Umfeld noch einmal erheblich schlechter geworden“, sagte Siemens-Chef Peter Löscher am Dienstag dem „Handelsblatt“. Bisher galt Siemens mit seinen weltweit 430 000 Mitarbeitern als Fels in der Brandung. Die starke Stellung in der Energie- und Umwelttechnik bewahrte die Münchener zunächst vor starken Geschäftseinbrüchen im Zuge der weltweiten Krise. In den vergangenen Wochen hat sich das Geschäft aber offenbar deutlich verschlechtert. „Wir sind nicht immun“, sagte Löscher. Dennoch warnt der Vorstandschef vor Schwarzmalerei. Gut laufe das Geschäft vor allem in der Energiesparte, wo der Konzern von langfristigen Großaufträgen profitiert. Schwierig dagegen sei das frühzyklische Geschäft etwa mit der Industrieautomatisierung oder in der Lichtsparte Osram.

Mit seinen Aussagen bereitet Löscher die Öffentlichkeit vorsichtig darauf vor, dass das ambitionierte Ziel, auch in diesem Geschäftsjahr einen Rekordgewinn von 8,5 Milliarden Euro zu erzielen, wackelt. Analysten rechnen damit, dass der Konzern seine Gewinnprognose für 2008/09 (30. September) bei der Vorlage der Quartalszahlen Ende April kassiert.

Der Konzern habe seine Hausaufgaben gemacht, betonte Löscher derweil. 2008 hatte Siemens den Abbau von mehr als 17 000 Arbeitsplätzen angekündigt. In der Konjunkturkrise will der Siemens-Chef zwar die Kurzarbeit ausweiten, auf betriebsbedingte Kündigungen in Deutschland aber verzichten.

BERTELSMANN VERSCHIEBT EXPANSION

Europas größtes Medienhaus Bertelsmann legt angesichts der Krise seine Wachstumspläne vorerst auf Eis. „Im laufenden Jahr wird es für uns zuallererst darum gehen, Bertelsmann sicher durch die Krise zu steuern“, sagte Vorstandschef Hartmut Ostrowski in Berlin bei der Vorstellung der Bilanz 2008. Erst im vergangenen Jahr hatte Ostrowski angekündigt, der Gütersloher Familienkonzern werde bis 2015 knapp 30 Milliarden Euro pro Jahr einnehmen. 2008 lag die Marke bei 16,1 Milliarden Euro. Bertelsmann werde seine Ziele später erreichen, versicherte Ostrowski.

Er kündigte einen strikten Sparkurs an – auch bei den Vorstandsbezügen: Alle sieben Manager würden in diesem Jahr auf ihre Tantiemen verzichten und damit auf mindestens 50 Prozent ihres Gehalts. „Ganz oben in unserem Pflichtenheft für 2009 steht, die bestehenden Geschäfte zu sichern und unsere Liquidität zu halten.“ Eine Prognose für das laufende Jahr wollte Ostrowski nicht abgeben. Man rüste sich für „alle Szenarien“. Die weltweit sinkenden Werbeeinnahmen dürften den Konzern stark treffen. Der Bertelsmann-Umsatz fußt zu 30 Prozent auf diesem Geschäft. Rote Zahlen werde man aber nicht schreiben, versprach Finanzvorstand Thomas Rabe.

Im vergangenen Jahr hatte sich Bertelsmann von einigen Sparten getrennt, etwa von der Musiksparte Sony BMG und Teilen des Buchclubs. Deshalb war auch der Umsatz um 0,5 Prozent zurückgegangen. Aufgrund von Wertberichtigungen im britischen TV-Geschäft und bei den Buchclubs brach der Gewinn von 405 auf 270 Millionen Euro ein. Die wichtigsten Säulen waren erneut der Fernsehsender RTL, der für eine halbe Milliarde Euro Dividende sorgte, und die Dienstleistungstochter Arvato. Außerdem gehören noch die Verlage Gruner+Jahr sowie Random House zu Bertelsmann.

EVONIK SPART BEIM GEHALT

Der Industriekonzern Evonik will sparen und verschiebt den geplanten Börsengang auf ungewisse Zeit. Der neue Evonik-Chef Klaus Engel will allein 2009 rund 300 Millionen Euro weniger ausgeben, streicht die Investitionen zusammen und schließt einen weiteren Jobabbau nicht aus. Dieser soll möglichst ohne betriebsbedingte Kündigungen über die Bühne gehen. Der Konzern reagiert damit auf einen Einbruch der Nachfrage, der vor allem die Chemiesparte trifft, neben Energie und Immobilien eine der Säulen des Konzerns. Auf einen Termin für den Gang aufs Parkett will sich der Konzern nicht mehr festlegen.

Die Rahmenbedingungen seien „branchenübergreifend miserabel“, räumte Engel ein, der zum Jahresanfang Werner Müller als Evonik-Chef abgelöst hatte. Evonik steuere durch „raues Fahrwasser“. Auch in den ersten zwei Monaten 2009 schlug der Abschwung auf die Chemiesparte durch. In einigen Bereichen der Sparte seien die Aufträge um bis zu 50 Prozent weggebrochen. Insgesamt erwarte Evonik daher 2009 weniger Umsatz und Gewinn. Die Eigner – der Finanzinvestor CVC und die RAG-Stiftung, unter deren Dach der deutsche Steinkohlebergbau gebündelt ist – sollen dennoch eine höhere Dividende als noch 2008 erhalten. Für das vergangene Jahr fließen 280 Millionen Euro an sie, 2009 sollen es 320 Millionen Euro werden.

2008 hatte vor allem der Einbruch der Chemie-Konjunktur im Schlussquartal für sinkende Erträge gesorgt. Zwar stieg der Umsatz auf 15,9 Milliarden Euro, doch das Konzernergebnis, 2007 noch durch Verkäufe getrieben, brach von 876 Millionen Euro auf 285 Millionen ein. Engel will nun gegensteuern und die Kosten bis 2012 um 500 Millionen Euro drücken. Das trifft auch die Mitarbeiter: Bereits im laufenden Jahr sollen bei den Gehältern 100 Millionen Euro eingespart werden.

MEDIA MARKT GEHT NACH CHINA

Das Handelsunternehmen Metro will trotz Krise weiter expandieren, wenn auch nicht ganz so dynamisch wie geplant. Ursprünglich war für das laufende Jahr ein Plus von sechs Prozent vorgesehen. Metro-Chef Eckhard Cordes erklärte bei der Vorstellung der Jahresbilanz zwar, er gehe nicht von einem Desaster-Szenario aus. Auf eine genaue Prognose wollte er sich dennoch nicht festlegen. Klar sei, dass der Handelsriese seinen Expansionskurs auch in Krisenzeiten fortsetzen werde. „Media Markt und Saturn sollen die Nummer eins der Welt werden“, erklärte er. Die in Europa führenden Elektronikfachmärkte sollen künftig auch in China Fuß fassen.

Metro will dort zusammen mit dem Elektronik- und Computerteilehersteller Foxconn Technology Group eine Ladenkette aufbauen. Man sehe ein Potenzial von Hunderten Märkten, teilte Metro mit. Der erste Media Markt soll 2010 in Shanghai eröffnet werden. Die internationale Expansion spielt für Metro eine zentrale Rolle. Die Düsseldorfer sind mit fast 2200 Märkten in 32 Ländern vertreten. Das viertgrößte Handelsunternehmen der Welt hat 2008 erstmals mehr als 60 Prozent seines Umsatzes außerhalb des Heimatmarktes erwirtschaftet. Auch die Großhandelstochter Metro Cash & Carry soll im Ausland weiter expandieren, so sollen die ersten Märkte in Ägypten und Kasachstan entstehen. Die Supermarktkette Real soll sich in Osteuropa ausbreiten.

Mit dem abgelaufenen Geschäftsjahr zeigte sich Metro trotz eines Einbruchs beim Netto-Gewinn zufrieden: Insgesamt steigerte der Konzern seinen Umsatz 2008 vor allem dank seines internationalen Geschäfts um 5,8 Prozent auf 68 Milliarden Euro. Der Jahresüberschuss brach vor allem aufgrund der Abschreibungen der abgegebenen Adler-Modemärkte von zuletzt 983 Millionen Euro auf 560 Millionen Euro ein. Die Aktionäre sollen eine Dividende von 1,18 Euro erhalten.

DEUTSCHE BANK GLAUBT AN RENDITE

Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann blickt verhalten optimistisch nach vorn. Zwar werde die Branche auch 2009 „mit großen Schwierigkeiten konfrontiert sein“, schreibt Ackermann im am Dienstag vorgelegten Geschäftsbericht. Wenn die Weltwirtschaft nicht stärker einbreche als erwartet und neue Schocks für die Finanzmärkte ausblieben, dann „sollte die Deutsche Bank 2009 in die Gewinnzone zurückkehren“. Kritische Positionen in den Handelsbüchern wurden abgebaut, zudem habe es 2009 einen „erfreulichen Start“ für die Deutsche Bank gegeben.

2008 war die Bank wegen der Finanzmarktkrise erstmals in der Nachkriegsgeschichte in einem Gesamtjahr in die roten Zahlen gerutscht und hatte 3,9 Milliarden Euro Verlust gemeldet. Im laufenden Jahr will die größte deutsche Bank auch dadurch punkten, dass sie – anders als mehrere Rivalen – nicht auf staatliche Hilfen angewiesen ist. Deren Handlungsfreiheit sei eingeschränkt, was der Deutschen Bank Chancen zum Ausbau der Marktposition in Kerngeschäftsfeldern eröffne.

Die Finanzkrise und die Turbulenzen an der Börse haben Spuren bei der Aktionärsstruktur der Bank hinterlassen: Der Anteil der Privataktionäre verdoppelte sich binnen Jahresfrist von 14 auf 29 Prozent des Grundkapitals. Während Privatleute den Niedergang des Deutsche-Bank-Kurses 2008 zum Einstieg nutzten zogen ausländische Investoren Geld ab. mit HB

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