Wirtschaft : „Deutsche Steinkohle gibt es auch nach 2013“

RAG-Chef und Ex-Wirtschaftsminister Werner Müller über den Börsengang seines Konzerns, Kohlesubventionen und Koalitionen

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Die RAG will an die Börse, aber der Öffentlichkeit ist nicht recht klar, warum. Manche fragen sich, ob da ohne Not ein Konzern verscherbelt wird.

So? Ihre Bemerkung kann ich nicht teilen. In den Kommentaren und Öffentlichkeit habe ich fast nur Unterstützung für das vernünftigste aller Zukunftsmodelle für die RAG erfahren. Das Projekt hat in allen Parteien handfeste Befürworter. Die neue schwarzgelbe Landesregierung von Ministerpräsident Rüttgers in NRW hat den Börsengang zum Regierungsziel ihrer Politik erklärt. Dass es nicht einfach wird, ist klar. Aber auch im Kreis der Aktionäre steht man dem Börsengang inzwischen sehr positiv gegenüber. Und wir legen ja keinen Wert für das Unternehmen fest. Natürlich ist es unsere Aufgabe, darauf hinzuweisen, wie der Konzern ausgerichtet wird und welcher Wert in ihm steckt. Der Verkaufswert bildet sich aber autonom an der Börse. Einen besseren Weg, den Wert zu ermitteln, gibt es nicht: Er ist transparent, für jedermann nachvollziehbar und damit fair.

Bis wann soll das passieren?

Wir streben an, dass wir Mitte 2007 erstmals an der Börse notiert sind. Ich hoffe, dass wir mit den Aktionären um die Jahreswende 2005/06 einig sind, zu welchen Bedingungen sie ihre Anteile einem Treuhänder zu einem symbolischen Preis von einem Euro zur Verfügung stellen. Ich hoffe, dass wir bis Mitte 2006 die politischen Rahmenbedingungen zu Papier bringen, so dass wir in der zweiten Jahreshälfte den Börsenprospekt vorbereiten können.

Wie weit stehen denn die Verhandlungen mit dem Bund und mit Nordrhein-Westfalen?

So wie mir die Politik in Berlin und Düsseldorf Unterstützung signalisiert hat, müsste der Zeitplan funktionieren. Wir haben eine zeitliche Verzögerung in Kauf nehmen müssen. Eine Bundestagswahl hatten wir nicht auf der Agenda. Zu klären ist, wer die Lasten aus der Steinkohle übernimmt und wem die Erlöse aus dem Börsengang zufließen. Meine Vorstellung ist, dass beides in einer Hand sein sollte – Bund oder Land.

Wie hoch wird das Emissionsvolumen sein?

Das kann ich Ihnen noch nicht sagen. Wir werden wohl nicht gleich am ersten Tag zu 100 Prozent an die Börse gehen.

Muss Degussa vorher vom Aktienmarkt genommen werden?

Wir haben das Jahr 2004 genutzt, um mit richtig groben Schnitten den gesamten RAG-Konzern umzubauen. Das ist gelungen. Wir nutzen 2005/06 für den Feinschliff und gezielte Korrekturen. Die sind auch bei Degussa notwendig. Chemie, Immobilien und Stromerzeugung – das sind die drei großen Kerngeschäftsfelder, mit denen wir an die Börse gehen wollen.

In der Logik liegt, dass die Degussa nicht mehr eigenständig notiert würde.

Nein. Das ist nicht logisch. Wir könnten auch eine Holding sein, die mehrheitlich Tochterfirmen hält, aber nicht alle zu 100 Prozent.

In der Feinchemie hat die Degussa erneut 830 Millionen Euro abschreiben müssen. Wie wird sich das auf die Mitarbeiter und die Standorte der Degussa auswirken?

Strategie und Struktur der Degussa sind auf dem Prüfstand. Der Vorstand der Degussa hat nicht ausgeschlossen, dass es zu Einschnitten kommen kann. Ich werde darauf achten, dass in diese Erörterungen und Entscheidungen die Mitarbeiterseite fair und offen integriert wird. Das fordert der Respekt vor den Mitarbeitern, die das Rückgrat des Konzerns sind.

Was ist denn die Börsenstory der RAG? Drei Dinge könnten auch zwei oder vier sein. Aus einem Guss ist die RAG nicht.

Der Konzern besteht aus einem Guss in drei Säulen. Diese Mischung ist attraktiv für Anleger, die eine Dividendengarantie haben wollen, aber durchaus auch einen spekulativen Gewinn. Zwei der drei Standbeine – Immobilien und Strom – sichern bereits die Dividendenfähigkeit des RAG-Konzerns. Die Degussa ist der weltgrößte Spezialchemiehersteller und bringt ein zusätzliches, hochinteressantes Element in diesen Konzern ein. Dieses Modell für stabiles unternehmerisches Wachstum sehe ich so im Markt nicht, und deswegen denke ich, dass wir auch in der breiten Bevölkerung durchaus auf lebhafte Nachfrage stoßen werden.

Welche Banken werden Sie beim Börsengang begleiten?

Wir haben uns bisher der Unterstützung der WestLB erfreut, und ich denke, dass sie an führender Stelle dabei sein wird, aber vermutlich nicht alleine.

Wie verläuft das Geschäftsjahr 2005?

Das operative Ergebnis bei Immobilien und Energie liegen deutlich über Plan, das von Degussa etwas unter Plan. Insgesamt wächst das operative Ergebnis gegenüber dem Vorjahr erfreulich. Übrigens bestätigt das die Ergebnissicherheit durch den Ausgleichsmechanismus in einem Mischkonzern.

Was sind, da eine Große Koalition absehbar scheint, abseits des Börsengangs Ihre Erwartungen an die neue Regierung?

Unabhängig von der Konstellation ist die größte Herausforderung, die Politik der Erneuerung den Bürgern verständlich zu machen. Das Wahlergebnis trägt deutliche Züge eines mangelnden Verständnisses der breiten Bevölkerung für die Notwendigkeiten. Wenn die Reformpolitik nicht auf Akzeptanz stößt, scheitert sie.

Also hat die Regierung Schröder in diesem Punkt versagt?

Ach Gott. Hat sie das? Es ist ja auch der Union nicht gelungen, die Bevölkerung hinter ein Reformkonzept zu stellen. Gemessen an der Ausgangslage hat die SPD gut abgeschnitten. Und die CDU überraschend schlecht. Aber wenn beide Parteien jeweils nur 35 Prozent Zustimmung für ihre Reformpolitik kriegen, ist das nicht viel.

Eine Große Koalition dürfte für den Fortbestand der Steinkohlesubventionen besser sein als eine Jamaika-Koalition, die Sie befürwortet haben.

Das kann ich Ihnen nicht sagen. Ich habe noch keine Gespräche geführt. Aber wir haben einige objektive Argumente auf unserer Seite. Wir können nachweisen, dass eine schnelle Schließung des Steinkohlebergbaus für die öffentliche Hand die teuerste aller möglichen Varianten ist. Denn es wird immer übersehen, dass wir 35 000 Mitarbeiter bei der Steinkohle haben und dass sie etwas erzeugen, was einen erheblichen Marktwert hat. Richtig ist, dass der Bergbau etwa 2,5 Milliarden Euro Hilfen bekommt, aber insgesamt weit über vier Milliarden Euro ausgibt für Sozialabgaben, Steuern, Löhne und Materialeinkauf.

Zugesagt sind die Hilfen bis ins Jahr 2012. Und dann?

Irgendwann im Jahr 2010 wird man über die lange Zukunft der deutschen Steinkohle befinden müssen. Ich bin sicher, dass die nicht im Jahr 2013 endet. Im Gegenteil: Wenn das auf den Weltenergiemärkten so weitergeht, gewinnen die nationalen Energiereserven wieder einen höheren politischen Stellenwert. Es ist für mich noch lange nicht ausgemacht, dass man nach 2012 mit der degressiven Kohlepolitik fort fährt.

Wie sehen Sie die Rolle Chinas auf den Rohstoffmärkten?

Was uns vor allem zu denken geben sollte, sind die ungeheuer großen Partnerschaften mit Ölförderländern, mit Ländern, die andere Rohstoffvorräte wie zum Beispiel Erze haben. China sichert sich damit sehr langfristig den Zugang zu Rohstoffen, und das wird später ein Wettbewerbsvorteil. Ich wüsste nicht, dass Deutschland eine dezidierte Rohstoffpolitik betreibt. Man folgt hier den Wirtschaftsforschungsinstituten, die das akademische Hohelied des Wettbewerbs singen.

Der Kanzler hat sich persönlich für die Erdgasversorgung aus Russland eingesetzt.

Die Politik des Bundeskanzlers war hier unstreitig positiv. Aber Rohstoffe sind doch mehr als Erdgas. Was ist mit seltenen Metallen und Erzen, die man für bestimmte Produkte braucht? Meine These ist: Die Politik weiß nicht, welche Rohstoffe aus welchen Ländern in welchen Mengen für die deutsche Industrie erforderlich sind. Und ob sie speicherbar sind. Wir brauchen eine Bestandsaufnahme unserer Rohstoffabhängigkeit. Dann muss man darüber nachdenken, wie man sich den Zugang sichert, Versorgungsstörungen vorbeugt und so weiter. Solche Fragen regelt der Wettbewerb nicht.

Sie waren wie der Heidelberger Steuerexperte Paul Kirchhof ein Seiteneinsteiger in der Politik, aber erfolgreicher. Was raten Sie anderen Seiteneinsteigern?

Vom Grundsatz her halte ich einen solchen Wechsel für wirklich wichtig. Ich möchte die Zeit nicht missen. Aber die Toleranz auf beiden Seiten ist nur begrenzt vorhanden. Für Paul Kirchhof war es unglücklich, dass sein Start im Wahlkampf lag. Bedenklich stimmt mich, dass mit seiner Person auch viel Reformdenken – gerade im Steuerrecht ist eine Entrümpelung ja unstrittig – beschädigt worden ist.

Das Interview führte Moritz Döbler.

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