Wirtschaft : Deutsche Telekom: Die Übernahme von Voicestream ist besiegelt

Corinna Visser

Seit Freitag hat die Deutsche Telekom 5,4 Millionen neue Kunden. Die Übernahme der US-Mobilfunkgesellschaft Voicestream ist perfekt. "Wir haben in den vergangenen zehn Monaten keinen Augenblick lang an unserer Strategie gezweifelt, und wir sind nach wie vor überzeugt, dass die Akquisition von Voicestream und Powertel für die Deutsche Telekom die richtige Entscheidung war", sagte Telekom-Chef Ron Sommer anlässlich der formalen Übernahme in Seattle. Auch die Mitarbeiter von Voicestream stünden hinter dem Zusammenschluss, sagte John Stanton, Vorstandschef von Voicestream. Streit um die unternehmerische Führung wie etwa bei Daimler-Chrysler werde es nicht geben. Er habe keine Problem erfolgreich unter Sommer zu arbeiten, sagte Stanton. "Wir haben die gleichen Ziele." Ferner sagte Stanton, dass er im laufenden Jahr mit einem Verlust von 300 Millionen Dollar bei Voicestream rechne.

Um zu zeigen, dass beide Unternehmen jetzt in einem Team spielen, griff Ron Sommer zum Baseball. Er warf den Eröffnungsball bei einem Spiel der lokalen Baseball-Mannschaft Seattle Marners; die gewann anschließend ihr achtes Spiel in Folge. In der Liga der amerikanischen Mobilfunkanbieter liegt Voicestream allerdings erst auf Platz sechs. Das Ziel der beiden neuen Partner: Sie wollen stärker wachsen als der Markt.

"Die wichtigsten Wettbewerbsvorteile liegen darin, dass wir der erste und bisher einzige transatlantische Mobilfunkanbieter sind, der die GSM-Technik für drahtlose Kommunikation einsetzt", sagte Kai-Uwe Ricke, seit 1. Mai im Telekom-Vorstand für den Mobilfunk verantwortlich. GSM ist ein in Europa entwickelter digitaler Standard. Nach Angaben Rickes telefoniert jeder zwölfte Erdbewohner mit GSM, zwei Drittel aller Kunden weltweit. In den USA ist Voicestream bisher der einzige Anbieter, der quer über den ganzen Kontinent Lizenzen für ein flächendeckendes Netz erworben hat. Und mit ihrem Voicestream-Handy können Kunden eben auch in Europa und umgekehrt telefonieren. "Die Kunden denken global", sagte Stanton. "Sie werden in großer Zahl zu Voicestream und der Telekom kommen."

Ricke stellte bereits die ersten gemeinsamen Dienste vor: eine internationale Kurzwahl mit der Kunden überall unter der gleichen Nummer auf bestimmte Serviceleistungen zugreifen können, sowie einen Conciergeservice, der den Kunden länderspezifische Informationen zur Verfügung stellt, zum Beispiel eine Telefonauskunft und einen Reservierungsdienst. Außerdem führte die Telekom einen neuen transatlantischen Tarif ein, mit dem Nutzer über eine einzige Mobilfunknummer und mit einem Tarif auf Sprach-, Daten und Voicemail-Dienste in Europa und den USA zugreifen können. Im Herbst will Voicestream die schnelle mobile Datenübertragung basierend auf der Internettechnologie (GPRS) anbieten, die T-Mobil in Deutschland bereits im Februar eingeführt hatte.

Voicestream braucht den starken Partner Telekom. "In der Vergangenheit lag unsere Beschränkung in der Finanzierung", sagte Stanton. Konkurrenten wie AT & T Wireless und Verizon Wireless koennten im Gegensatz zu Voicestream auf die finanziellen Ressourcen ihrer Konzerne zurückgreifen. Mitarbeiter, die meist auch Anteilseigner von Voicestream seien und die übrigen Aktionäre wollten nun, dass ihr Unternehmen gemeinsam mit der Telekom wachse.

Die Aktionäre des US-Mobilfunkanbieters hatten die Wahl: Sie konnten sich ihre Anteile an dem Unternehmen in bar auszahlen lassen, sie gegen T-Aktien tauschen oder einen Mix aus diesen beiden Möglichkeiten wählen. Allerdings war die als Barprämie zur Verfügung stehende Summe auf rund 4,23 Milliarden Dollar beschränkt. Daher mussten auch diejenigen, die die Bar-Variante wählten, einen Teil der Summe in Aktien akzeptieren: Sie erhalten 15,91 Dollar und 3,67 T-Aktien pro Voicestream-Anteil. Nach dem Aktientausch gehören den Voicestream-Aktionären etwas mehr als 24 Prozent und den Anteilseignern der zuvor von Voicestream übernommenen Gesellschaft Powertel 3,5 Prozent an der Deutschen Telekom. Der Anteil des Bundes sinkt auf etwas weniger als 31 Prozent, die Kreditanstalt für Wiederaufbau hält noch rund zwölf Prozent der Aktien.

Die gesamte Übernahme kostet die Deutsche Telekom rund 27,95 Milliarden Dollar, also erheblich weniger als zu dem Zeitpunkt als das Geschäft im vergangenen Jahr angekündigt wurde. Im Juli 2000 hatte die Transaktion noch einen Wert von 50,7 Milliarden Dollar. Doch auch wenn der Kaufpreis wegen der seither dramatisch gefallenen Börsenkurse erheblich gesunken ist - viele Analysten halten ihn dennoch für zu hoch. Voicestream ist auf dem amerikanischen Markt nur die Nummer sechs.

Mit etwa 4,4 Millionen Kunden liegt das Unternehmen weit hinter dem Marktführer Verizon Wireless mit etwa 27 Millionen Kunden zurück. Dafür wachse sein Unternehmen viel stärker und schneller als die übrigen Anbieter, sagte Voicestream-Chef Stanton. Es sei ein Unterschied, ob ein Unternehmen in einem Markt wie Deutschland, in dem mehr als die Hälfte der Bevölkerung bereits ein Handy besitze die Nummer sechs sei, oder ein Angreifer auf dem US-Markt, wo erst gut 40 Prozent der Bevölkerung mobil telefonierten. "Legt man die vorsichtige Annahme zu Grunde, dass der US-Mobilfunkmarkt bis 2009 eine Penetrationsrate von 85 Prozent erreichen kann", sagte Sommer, "so würde dies einem Potenzial von rund 150 Millionen neuen Mobilfunk-Teilnehmern entsprechen".

Um weiter zu wachsen werden Voicestream und die Deutsche Telekom noch viele Milliarden investieren müssen. Allein in diesem Jahr sollen es 1,8 bis 1,9 Milliarden Dollar sein. Zum Vergleich: T-Mobil in Deutschland investiert pro Jahr etwa eine Milliarde Euro. Voicestream muss schnell vorankommen, denn der Konkurrent AT & T will sein Netz ebenfalls auf den Mobilfunkstandard GSM umrüsten. Dann verliert die jüengste Telekom-Tochter ihren strategischen Vorteil.

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