Wirtschaft : Deutsche Telekom: Konzern verkauft das Kabelnetz

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Der Verkauf des Fernsehkabelnetzes der Deutschen Telekom ist vertraglich besiegelt. Die amerikanische Liberty Media Corporation übernimmt die sechs noch zur Deutschen Telekom gehörenden regionalen Kabelgesellschaften (siehe Grafik) für 5,5 Milliarden Euro. Das teilten beide Gesellschaften am Dienstag mit. Der Verkauf muss allerdings erst noch von den Kartellbehörden genehmigt werden. Die Telekom erwartet, dass dies zwischen drei und fünf Monaten dauern kann. Erst dann erfolgt der wirtschaftliche Übergang.

Die Bekanntgabe, dass der lange verhandelte Verkauf nun unter Dach und Fach ist, hat der T-Aktie am Dienstag vorübergehend Auftrieb gegeben. Das Papier stieg kurzzeitig um 4,5 Prozent auf bis zu 17,14 Euro. Bis gegen 16.30 Uhr schmolz der Gewinn wieder auf 16,43 Euro oder plus 0,18 Prozent zusammen. Grafik: Kabelregionen in Deutschland Die Deutsche Telekom hat sich nun von allen neun Kabel-TV-Regionen ganz oder mehrheitlich getrennt. In den Nordrhein-Westfalen und Hessen ist der wirtschaftliche Übergang bereits erfolgt, für Baden-Württemberg stehe er kurz bevor, teilte die Telekom weiter mit.

Der Kaufpreis für die nun verkauften sechs Regionen, den die Deutsche Telekom zum Abbau ihres hohen Schuldenstandes von 65,5 Milliarden Euro verwenden will, fließt allerdings nur zu einem Teil in liquiden Mitteln. Nach Angaben von Liberty zahlt das Unternehmen drei Milliarden Euro in bar. Hinzu kommt ein Liberty-Aktienpaket im Wert von mindestens 1,5 Milliarden Euro sowie eine Milliarde Euro in Wandelanleihen mit zehnjähriger Laufzeit.

"Mit dem heutigen Tag hat die Deutsche Telekom ihr Ziel erreicht, sich von ihren TV-Kabeln zu trennen", sagte Gerd Tenzer, der im Telekom-Vorstand den Bereich Technik verantwortet. Liberty Media teilte am Firmensitz in Englewood (US-Bundesstaat Colorado) mit, durch die Übernahme werde das Unternehmen "einer der weltweit größten Anbieter von Breitbandkabelnetzen". Mit zehn Millionen angeschlossenen Haushalten in Deutschland werde Liberty die notwendige Größe erhalten, um den deutschen Fernsehzuschauern "eine Vielzahl neuer Möglichkeiten" von TV-Programmen über schnelles Internet bis zu Telefondienstleistungen per Kabel anzubieten.

Liberty übernimmt ebenfalls zu 100 Prozent die auf die sechs Regionen entfallenden Aktivitäten der Deutsche Telekom Kabel-Services GmbH und die Media Services GmbH, also die Gesellschaften, die für den Betrieb des Netzes und die Vermarktung zuständig sind. Insgesamt sind in allen Gesellschaften 2800 Mitarbeiter beschäftigt. Die Telekom wird den Verkauf der Kabelgesellschaften nun beim Bundeskartellamt anmelden. Die Wettbewerbshüter könnten es als problematisch ansehen, dass mit Liberty ein Anbieter auf den Markt kommt, bei dem "Netz und Inhalte zusammenkommen", sagte ein Kartellsamtssprecher. Liberty hält unter anderem Beteiligungen am US-Medienkonzern AOL Time Warner und an Rupert Murdochs News Corporation. Mit dem Einkaufskanal QVC und dem Dokumentationskanal Discovery Channel kann das Unternehmen eigene Programme für die Netze bereit stellen.

Komplizierte Eigentümerstruktur

Peter Charissé, Hauptgeschäftsführer vom Verband Privater Kabelnetzbetreiber Anga, begrüßte den Verkauf des Kabelnetzes. "Wir hätten uns das schon früher gewünscht", sagte er. Zudem sei eine stärkere Regionalisierung wünschenswert gewesen. "Aber wir sind auch Realisten", sagte Charissé, "am Ende hat es einfach keine anderen Interessenten mehr gegeben." Liberty wird künftig auf die Zusammenarbeit mit den kleineren Kabelnetzbetreibern angewiesen sein. Denn das deutsche Kabelnetz hat eine komplizierte Eigentümerstruktur. Die Telekom betreibt in der Regel lediglich die Strecken von den Kopfstationen bis in die Wohngebiete (Netzebene drei). Die letzen Meter TV-Kabel bis in die Wohnungen hinein (Netzebene vier) werden dagegen von etwa 6000 verschiedenen Anbietern betrieben - das sind private Kabelgesellschaften wie Telecolumbus, Bosch oder Primacom sowie Wohnungsbaugesellschaften oder auch kleine Handwerksbetriebe. Lediglich ein Drittel aller Kabelhaushalte sind direkte Kunden der Telekom.

Liberty ist daran interessiert, solche kleineren Kabelnetzbetreiber zu übernehmen, um zu mehr Haushalten den direkten Zugang zu bekommen. In Zeitungsberichten hieß es, dass sich Liberty in dem Kaufvertrag eine Ausstiegsklausel gesichert habe für den Fall, dass die Wettbewerbsbehörden den Erwerb von Betreibern der Netzebene vier blockieren könnten. Die Telekom bestätigte, dass es Klauseln gebe, wollte aber nichts über deren Inhalt sagen.

Neue Geschäftsfelder entstehen

Klaus Scharpe, Bereichsleiter Medien und Kommunikation beim Schweizer Prognos Institut schätzt das Volumen des deutschen Fernsehkabelmarktes auf derzeit 4,7 bis 4,8 Milliarden Mark. Doch mit dem Ausbau des Kabelnetzes zu einem Breitbandnetz mit wesentlich höheren Übertragungsraten und einem Rückkanal können dem Kabelkunden künftig interaktive Dienste angeboten werden, ein schnellerer Internetzugang oder auch einfaches Telefonieren. "Es entstehen völlig neue Geschäftsmodelle", sagt Scharpe. Doch dafür sind Milliarden-Investitionen in die Aufrüstung der Netze notwendig. Viel Zeit darf Liberty nicht verlieren. Alternative Anbieter für Breitbandanwendungen stehen schon in den Startlöchern: unter anderem die Deutsche Telekom mit dem schnellen Internet-Anschluss über DSL oder Satellit.

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