Wirtschaft : Deutsche trauen ihren Managern nicht

Fürstliche Gehälter trotz Börsencrash und hoher Arbeitslosigkeit – angesehener sind Unternehmer in Skandinavien

Emma Blake

Die Reputation der Wirtschaftsbosse könnte einer weltweiten Studie zufolge kaum schlechter sein. Nach einer Welle von Skandalen um überzogene Vorstandsgehälter und geschönte Bilanzen sind nur noch Politiker weniger vertrauenswürdig als die Manager großer Unternehmen. Mit Abstand das meiste Vertrauen unter den Befragten in den USA und Europa genießen die Ärzte. Außer in den vom orthodoxen Christentum geprägten Ländern wie Russland und Rumänien rangieren die Mediziner dabei noch vor kirchlichen Amtsträgern. Auch Journalisten und Anwälte haben einen besseren Ruf als Manager, sagen die fast 22 000 Teilnehmer aus 21 Ländern, die das Brüsseler Marktforschungsunternehmen GfK Ad Hoc Research Worldwide im Auftrag des Wall Street Journal Europe befragte.

Noch halten die Amerikaner etwas mehr von ihren Managern als die Westeuropäer. Besonders schlecht schnitten sie in der Umfrage in Deutschland, Polen und Russland ab, wo die Unternehmenschefs die geringsten Vertrauenswerte erhielten. Weitaus besser kamen ihre Kollegen in Dänemark, Schweden und Finnland davon, wo auch all den anderen Berufsgruppen bessere Noten erteilt wurden. Fasst man die Umfrageergebnisse zusammen, haben 80 Prozent der Teilnehmer Vertrauen zu Ärzten, während sich 33 Prozent auf Manager und nur 16 Prozent auf Politiker verlassen wollen. Nur wenig mehr als den Wirtschaftsbossen wird den Journalisten vertraut, die es auf einen Zuspruch von 36 Prozent brachten. Allerdings mit starken regionalen Unterschieden: Halten Belgier, Portugiesen, Polen und Rumänen vergleichsweise viel von den Medienleuten, trauen ihnen in Großbritannien nur 17 Prozent der Befragten über den Weg.

Stärker als in Europa schlugen in den USA die Bilanzskandale börsennotierter Unternehmen beim Vertrauensverlust zu Buche. Dass Affären wie der Enron-Skandal das Vertrauen besonders nachhaltig in Mitleidenschaft gezogen haben, meinten acht von zehn Amerikanern, dagegen aber nicht einmal die Hälfte der befragten Europäer.

Mit den schlimmsten Noten in Westeuropa haben die Deutschen ihre Manager bedacht: Nur bei kläglichen 18 Prozent der Befragten genießen sie Vertrauen. „Die Spitzenleute der deutschen Wirtschaft würden in der Prüfung reihenweise durchfallen, wenn die Öffentlichkeit darüber zu befinden hätte“, sagt Mark Hofmans, General Manager bei GfK. Shervin Setareh, Berater beim Brüsseler Marktforscher Deminor Rating macht den Anstieg der Arbeitslosigkeit und die Krise des Aktienmarktes für die schlechten Umfragewerte unter den Deutschen verantwortlich. Zum ersten Mal seien die Deutschen als Aktionäre umworben worden, besonders bei den Börsengängen von Deutscher Telekom und Post. Und trotz der Kursstürze im Jahr 2000 mussten sie mit ansehen, wie die Unternehmenschefs weiterhin fürstlich bezahlt wurden. „Viele ärgerten sich und wegen der starken Vertretung von Gewerkschaften in den Aufsichtsräten der Gesellschaften wurde das Thema sehr offensichtlich“, sagt Setareh.

Abgeschlagen auf der Liste landeten auch die Manager aus Polen und Russland. Die Affäre um den ehemaligen Jukos-Chef Michael Chodorkowski fiel zwar in die Zeit nach der Umfrage. Doch die oligarchische Struktur der russischen Wirtschaft und der Reichtum vieler Unternehmensleiter sind den meisten Russen schon seit langem suspekt. Ähnliches gilt auch für Polen, wo sich viele über die großzügigen Gehälter der Vorstände erzürnen. „Da eine Reihe dieser Unternehmen noch in Staatsbesitz sind, sehen viele Menschen ihre Steuergelder verschwendet“, sagt Piotr Madalinski, leitender Mitarbeiter von GfK in Polen.

Amerikaner bevorzugen US-Aktien

An die Spitze der Rangliste haben die Skandinavier ihre Manager gewählt. In Dänemark sprachen ihnen 64 Prozent der Befragten das Vertrauen aus – der höchste Wert unter allen Teilnehmer-Ländern. Claus Silferberg, Direktor der dänischen Aktionärs-Vereinigung, verweist auf die hohen ethischen Ansprüche der dänischen Wirtschaft und auf die Struktur der Unternehmenslandschaft. „Die Geschäftswelt besteht nur aus 5000 bis 10 000 Leuten“, sagt er. „Alle Beteiligten kennen sich – wenn nicht direkt, dann über andere – und würden sich kaum gegenseitig betrügen.“

Bei der Frage, ob US-Gesellschaften besser geführt würden als europäische, schlugen sich besonders die Amerikaner auf die Seite ihrer heimischen Manager. Zwei von drei US-Befragten waren der Meinung, das schlechtere Management gebe es in europäischen Unternehmen, während 40 Prozent der Europäer die Qualitäten des Managements als gleichwertig einschätzten. Einen ähnlichen Trend gab es auch bei der Frage, in welche Aktien die Befragten investieren würden, wenn sie 1000 Euro zur freien Verfügung hätten. Ein Drittel der Westeuropäer will für den gesamten Betrag europäische Werte kaufen – die Hälfte der Amerikaner setzt dagegen auf US-Aktien. Am offensten gaben sich hier die Briten: 42 Prozent von ihnen würde eine Hälfte des Betrags in Euro-Aktien stecken und die zweite in Papiere aus anderen Regionen. Für den Finanzplaner Richard Broughton aus London ist dies nicht überraschend: Wenn er seinen Klienten rät, auch andere als britische Aktien zu kaufen, seien diese sehr aufgeschlossen. „Viele machen diesen Vorschlag sogar von sich aus“, sagt der Berater. In Mitteleuropa, wo die Aktienkultur noch nicht so ausgeprägt ist wie in Großbritannien und den USA, hatten 40 Prozent keine Antwort auf die Frage nach der bevorzugten Aktienanlage.

Positiv wurden in osteuropäischen Ländern die Folgen der EU-Erweiterung im nächsten Jahr von 15 auf 25 Mitglieder bewertet. Die Hälfte der befragten Tschechen, Ungarn und Polen sehen darin auch Vorteile für die Firmen der 15 alten EU-Länder. Weniger begeistert äußerten sich die Westeuropäer zur Vergrößerung der EU. Vor allem das mögliche Abwandern der Produktion in die preiswerteren osteuropäischen Länder sehen viele als Gefahr. Mehr als einer von drei Befragten befürchtet daher Einbußen für die Wirtschaft der jetzigen EU-Länder.

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