Deutsche und russische Experten zu EU-Sanktionen : "Das erste Wort hat Moskau"

Eine Videokonferenz zwischen deutschen und russischen Experten soll über die Folgen der Sanktionen und Gegensanktionen aufklären. Doch sie zeigt nur, wie vergiftet das Klima zwischen Moskau und dem Westen ist.

Vinzenz Greiner
Fünf gegen zwei. Eine Moderatorin und vier russische Experten diskutierten gestern mit zwei deutschen Wissenschaftlern über Sanktionen und Gegensanktionen.
Fünf gegen zwei. Eine Moderatorin und vier russische Experten diskutierten gestern mit zwei deutschen Wissenschaftlern über...Foto: Vinzenz Greiner

Die Leitung zwischen Berlin und Moskau steht. Auf dem Bildschirm ist ein großer, geschwungener Tisch zu sehen. Und fünf Mikrofone für die russische Seite. Am deutschen Ende dieser Leitung nimmt Klaus Segbers in einem kleinen Raum in der Friedrichstraße Platz. Er verschränkt die Arme. „Ich weiß, worauf ich mich einzustellen habe“, sagt der Direktor des Center for Global Politics am Osteuropa-Institut der FU Berlin. Er lässt sich am Donnerstag auf eine Videokonferenz zu den EU-Sanktionen ein. Organisiert hat sie die per Präsidialdekret gegründete Nachrichtenagentur Rossija Segodnja. Zur Verstärkung erhält der Politologe immerhin Christian Wipperfürth an die Seite von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik.

Die beiden Russlandkenner sollen mit russischen Experten diskutieren über das Thema „Sanktionen und Gegensanktionen: Wirkung, Schaden, Folgen“.

„Das erste Wort hat Moskau“

Zwei Zeitzonen weiter, am Tisch im Studio der Mutteragentur RIA Nowosti, beginnt die Moderatorin Burjak. Nahaufnahme. Ihr kleines Schwarzes füllt für kurze Zeit den gesamten Bildschirm aus. Schließlich setzen sich die vier russische Experten auf ihre Stühle. „Das erste Wort hat Moskau“, erklärt Dimitri Tultschinski von Rossija Segodnja, der die beiden Deutschen betreut.

Georgij Petrow ergreift es sogleich. Der schnauzbärtige Vizepräsident der russischen Industrie- und Handelskammer, der sich „politisch unabhängig“ nennt, bleibt noch beim Thema. „Sanktionen sind nicht unsere Wahl, denn sie zerstören Vertrauen“, dringt auf Russisch aus dem Lautsprecher im Berliner Konferenzraum, in dem kein Übersetzer sitzt.

Dann beginnt der Schlagabtausch. Segbers hat keine Bandagen an. Es gehe im Kern nur zum Teil um die Ukraine, sagt er ruhig aber bestimmt. „Das Problem ist, dass große Teile der russischen Elite und Bevölkerung die Unabhängigkeit ehemaliger Sowjetrepubliken nicht akzeptieren.“ In Moskau haben das nicht alle gehört – die Kopfhörer mit der Übersetzung hat noch nicht jeder Experte hervorgekramt. Wipperfürth – eher defensiv – mahnt, im Ukraine-Konflikt „Atempausen“ einzulegen. „Viele Menschen wurden getötet und die Lage kann weiter eskalieren.“

Russische Freiwillige an der Moskauer U-Bahn für die Ostukraine angeworben?

„Warum belegt dann die EU nicht die Ukraine mit Sanktionen?“, fragt die russische Moderatorin in Moskau bissig. Warum sei Deutschland nicht sanktioniert worden, als es Slowenien im Jugoslawienkrieg anerkannte, fragt Iossif Diskin, Co-Vorsitzender des Rates für nationale Strategie. Er wettert gegen die doppelten Standards im ukrainischen Bürgerkrieg, den der Westen an den Tag lege.

Da sich Russland einmische, will Segbers nicht mehr von einem bloßen Bürgerkrieg sprechen. Er habe gesehen, wie an Moskauer U-Bahn-Stationen junge Russen für den Kampf in der Ukraine geworben würden. Die Moderatorin erfährt Minuten später von der Regie, dass dort offenbar nur Geld gesammelt würde.

„Wir können uns den Luxus nicht mehr leisten, uns gegenseitig zu beschuldigen“, versucht Wipperführth vergeblich zu deeskalieren. Alexander Gussev vom Europa-Institut Moskau, nicht nur auf dem Bildschirm rechtsaußen, sagt, die EU-Sanktionen träfen „Zehntausende einfache Leute“, die zum Beispiel mit der Fluggesellschaft Dobrolet auf die Krim geflogen seien – auf „russischen Boden“ also, sagt Gussev. Die Airline stellte am 4. August all ihre Flüge ein. Gussev glaubt, die russische Wirtschaft könne die ausbleibenden Importe ausgleichen. „Wir fürchten uns nicht vor Sanktionen!“

„Russland ist weitgehend isoliert“ - es wird ruhig

Wipperfürth und Segbers notieren fleißig mit. Wenn Sie sprechen, wandern Lächeln durch die russische Expertenrunde bis zur Moderatorin. Tuscheln. Zwischenrufe. „Spokojno“, bittet Sebers. Ganz ruhig. Das wird es auch, als er sagt, Russland sei in der Ukraine-Krise weitgehend isoliert. Die Sanktionen seien ein Versuch, dies zu ändern.

Nach fast anderthalb Stunden endet die Konferenz. Segbers huscht aus dem Raum. Wipperfürth spricht mit Tultschinksi, während Diskin auf dem Bildschirm noch ins Mikrofon spricht. Auch das letzte Wort hat Moskau.

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