Wirtschaft : Deutsche Waren so gefragt wie noch nie

Export steigt im Juni auf Rekordwert – und könnte die Wirtschaft auch im zweiten Halbjahr stützen

Carsten Brönstrup

Berlin - Die deutsche Wirtschaft hat im Juni so viele Waren wie noch nie zuvor in einem Monat ins Ausland verkauft. Mit 68,8 Milliarden Euro lag der Wert der ausgeführten Güter um 9,8 Prozent über dem Niveau des Vorjahresmonats, wie das Statistische Bundesamt am Dienstag in Wiesbaden mitteilte. Die Bundesregierung und Wirtschaftsexperten rechnen damit, dass die starke Weltwirtschaft auch im zweiten Halbjahr für ein ansehnliches Wachstum bei der Ausfuhr sorgt.

Dazu trügen auch die USA bei – trotz der weiteren anstehenden Zinserhöhungen durch die US-Notenbank Federal Reserve (Fed). Die US-Notenbank hat die Leitzinsen wie erwartet zum zehnten Mal in Folge um 0,25 Prozentpunkte erhöht. Damit liege der Satz für Tagesgeld jetzt bei 3,5 Prozent, teilte der Offenmarktausschuss der Fed am Dienstagabend mit. Die US-Börsen reagierten mit leichten Kursgewinnen, der Dollar gab zum Euro etwas nach.

Der Export bleibt somit die Stütze der deutschen Volkswirtschaft. Im ersten Quartal dieses Jahres hatte es nahezu allein wegen des Exports ein gesamtwirtschaftliches Wachstum von 1,0 Prozent gegeben. Bislang hatten die Forscher für das zweite Quartal allenfalls eine Stagnation der Wirtschaftsleistung erwartet. „Angesichts der guten Daten für den Export könnte es nun ein leichtes Plus gegeben haben, das wäre eine positive Überraschung“, sagte Holger Bahr, Leiter der Abteilung Volkswirtschaft bei der Deka-Bank.

Die Handelsbilanz, also der Wert des Exports abzüglich des Imports, fiel im Juni mit dem Rekordwert von 16,8 Milliarden Euro überraschend hoch aus nach 12,1 Milliarden Euro im Mai. Im gesamten ersten Halbjahr gab es beim Export ein Plus von 5,9 Prozent auf 382,3 Milliarden Euro. Zugleich kletterte der Import wegen der Rekordpreise für Öl um 7,2 Prozent auf 297,4 Milliarden Euro. Die Nachfrage nach deutschen Produkten kam gleichermaßen aus allen Regionen der Welt. „Die Weltwirtschaft bleibt ein starkes Zugpferd für die deutsche Wirtschaft“, sagte Axel Nitschke, Chefökonom des Deutschen Industrie- und Handelskammertages. Allein in die EU-Staaten gingen von Januar bis Juni Waren im Wert von 246,2 Milliarden Euro, zwei von drei Euro nahm die deutsche Wirtschaft also durch Geschäfte mit den Nachbarn in Europa ein.

Im gesamten Jahr dürfte der deutsche Export um sechs Prozent wachsen, bekräftigte der Bundesverband des Deutschen Groß- und Außenhandels (BGA), seine Prognose. Dafür sprächen der in den vergangenen Monaten gefallene Eurokurs und die weiter hohe Dynamik insbesondere im asiatischen Raum, sagte BGA-Präsident Anton Börner. Auch das Bundeswirtschaftsministerium setzt auf positive Impulse des globalen Wachstums für die deutsche Volkswirtschaft. Daran dürfte auch die Zinspolitik der US-Notenbank Fed nichts ändern, erwartet Deka-Experte Bahr. „Bis zum Frühjahr wird die Fed die Leitzinsen auf 4,25 Prozent erhöhen, um die Inflationsgefahr zu dämpfen“, sagte er. Die USA, die ein wichtiger Handelspartner für deutsche Unternehmen sind, würden derzeit außerordentlich robust wachsen und insgesamt in diesem Jahr auf ein Plus von 3,6 Prozent beim Bruttoinlandsprodukt kommen. Alle Stimmungsindikatoren sowie der Konsum der Bürger entwickelten sich derzeit positiv, sagte Bahr. Auch der hohe Ölpreis werde diese Dynamik nicht dämpfen. „Das teure Öl kann die US-Wirtschaft nicht mehr in dem Maße bremsen, wie es in früheren Jahren der Fall gewesen ist.“

Nach der Zinsentscheidung vom Dienstag liegt der US-Leitzins so hoch wie seit vier Jahren nicht mehr. „Die Inflation war in den jüngsten Monaten verhältnismäßig niedrig und die Erwartungen sind, dass die Teuerung verhalten bleibt“, hieß es von der Fed. Das US-Wirtschaftswachstum sei nach wie vor stark und die Konsumfreude groß. Auch vom Arbeitsmarkt gebe es positive Signale. Allerdings bereiteten die hohen Energiepreise Sorge. Die Fed bekräftigte, die weiter lockere Geldpolitik könne in maßvollem Tempo beendet werden. Mit dieser Formulierung signalisieren die Währungshüter seit Monaten, dass die Leitzinsen in moderaten Schritten angehoben werden.

Spannungen in Saudi-Arabien und Iran sowie mögliche Versorgungsengpässe haben am Dienstag die Ölmärkte beunruhigt und die Preise erneut auf Rekordhöhen getrieben. Der Preis für leichtes US-Öl übersprang die 64-Dollar-Marke je Barrel (159 Liter). Im Handelsverlauf ließ der Preis jedoch wieder etwas nach.

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