Deutsche Wirtschaft : Europas Muskelprotz

Deutschland, einst geschmäht als kranker Mann des Kontinents, steht zwei Jahre nach der tiefen Krise besser da denn je. 2010 dürfte die deutsche Wirtschaft 3,5 Prozent wachsen.

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Kraftzentrum. „Ist Deutschland noch zu retten?“, nannte vor einiger Zeit ein Professor einen Bestseller. Heute sind viele Probleme von damals Geschichte.
Kraftzentrum. „Ist Deutschland noch zu retten?“, nannte vor einiger Zeit ein Professor einen Bestseller. Heute sind viele Probleme...Foto: mirko iannace/picture-alliance

Berlin - Der Erfolg ist schwarz-gelb, schnittig und flott unterwegs. Einen Velaro-Schnellzug hat das Kanaltunnel-Unternehmen Eurostar dieser Tage in den Londoner Hyde Park bugsiert, um zu zeigen, wie seine Passagiere in Zukunft reisen werden. „Wir haben uns ausschließlich daran orientiert, was das Beste für unsere Kunden ist“, lobt der Chef Nicolas Petrovic das Produkt aus Germany. 600 Millionen Euro wird der Hersteller Siemens durch den Verkauf von zehn dieser Züge einstreichen.

ZF liefert 100 000 Lkw-Getriebe nach China, Demag Cranes macht neue Geschäfte mit Südkorea, Hochtief baut eine Bahnstrecke in Kalifornien, Thyssen-Krupp verkauft Zementanlagen nach Indien: Dutzende solcher Meldungen verschickt die Industrie Tag für Tag.

Hightech aus der Bundesrepublik ist wieder gefragt. Der starke Export ist die Basis für ein spektakuläres Comeback: Deutschland hat nicht nur die tiefste Krise seit 60 Jahren erstaunlich schnell hinter sich gelassen. Der ehemals kranke Mann des Kontinents ist zum Muskelprotz Europas geworden. Um 3,5 Prozent dürfte die Wirtschaftsleistung 2010 zulegen, die Arbeitslosenzahl wird im Oktober unter die Drei-Millionen-Marke sinken. Die großen Institute werden ihre Prognose im Herbstgutachten nächsten Donnerstag entsprechend anheben. Vom „Turbo-Deutschland“ spricht der „Economist“. Und der Brüsseler Ökonom Daniel Gros sieht gar „die biblischen sieben fetten Jahre“ heraufziehen. Dabei ist es nicht lange her, dass Wirtschaftsprofessoren Bücher schrieben mit dem Titel „Ist Deutschland noch zu retten?“

Was ist geschehen? Die altmodische, laute, manchmal stinkende Industrie hat die Republik wieder nach vorne gebracht. Autos, Chemieprodukte und Technik Made in Germany sind vor allem in Asien und Lateinamerika begehrt. In den ersten acht Monaten verzeichnete der Maschinenbau ein Auftragsplus von 35 Prozent. Daimler verkauft derzeit so viele Luxusautos wie noch nie. Der Export über alle Branchen legte allein im August um 27 Prozent zu.

„Deutschland hat die Produkte für die weltweiten Megatrends“, sagt Michael Hüther, Direktor des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft. Urbanisierung, Alterung, knappe Ressourcen – die Deutschen bieten Lösungen. Nirgends ist der Anteil forschungs- und wissensbasierter Branchen so hoch wie hierzulande, sagt das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Die deutsche Industrie ist womöglich „die leistungsfähigste der Welt“, schwärmt Bert Rürup, bis 2009 Chef der Wirtschaftsweisen.

Zu rechnen war damit nicht. Als die Finanzkrise 2008 auf die Realwirtschaft übergriff, überboten sich Pessimisten mit Schreckensszenarien: Fünf Millionen Arbeitslose, auf Jahre bestenfalls Stagnation und eine Autoindustrie am Rande der Bedeutungslosigkeit. Tatsächlich traf die Rezession Deutschland heftiger als andere Länder.

Geholfen hat nicht zuletzt eine ziemlich gute Wirtschaftspolitik. 80 Milliarden Euro hat der Staat in die Unternehmen gepumpt, um den Ausfall der Aufträge auszugleichen. Die Folge: Um nur 155 000 nahm die Zahl der Arbeitslosen in den Katastrophenmonaten zu. Zugleich arbeiteten in der Spitze 1,5 Millionen Menschen kurz. „Deutschland ist weltweit ein Vorbild für kluge Politik“, lobt die Internationale Arbeitsorganisation ILO.

Das war nicht immer so. Kraftlos, teuer, wachstumsschwach – dieses Bild bot die deutsche Wirtschaft zu Beginn des Jahrzehnts. Viele Unternehmen verlagerten Fabriken ins Ausland. Zum einen wegen des starren Arbeitsmarkts und hoher Steuern, zum anderen wegen des Zinsniveaus, das höher war als bei vielen Nachbarn. Beides ist Geschichte. Kaum ein anderes Industrieland hat in der letzten Dekade so weitreichende Reformen durchgesetzt. Die Niedrigzinspolitik der Notenbank tut ein Übriges.

Doch schickt es sich, dass Deutschland hemmungslos auf den Export setzt? Während der europäischen Schuldenkrise im Frühjahr geriet das Land unter Beschuss, weil es angeblich auf Kosten anderer wachse. „Die Debatte war stark übertrieben“, sagt Ansgar Belke, Forschungsprofessor am DIW. Zwar hat sich der Anteil der Exportwirtschaft am Bruttoinlandsprodukt in den vergangenen 20 Jahren auf mehr als 40 Prozent verdoppelt. „Kein Land kann aber ewig Exportüberschüsse erzielen, irgendwann wendet sich das Blatt von allein“, erwartet Belke. Vielleicht schon bald. Viele Handelspartner in der Euro-Zone müssen strikt sparen, die USA sowieso.

Zudem ist die These von den genügsamen Niedriglöhnern, die den Exportboom erst ermöglicht haben, falsch, sagt Ökonom Rürup. In den Exportfirmen habe es vergleichsweise kräftige Zuschläge gegeben, dafür habe die Bezahlung in den Binnenbranchen stagniert oder sei gesunken. Obendrein, ergänzt Michael Burda von der Humboldt-Universität, stütze Deutschland mit seinen Importen andere Länder, selbst in der Krise war man drittgrößter Kunde der Welt.

Jetzt ist es nur eine Frage der Zeit, bis auch die Binnennachfrage in Schwung kommt. Angesichts der Beliebtheit deutscher Produkte fehlen Fachkräfte. Das treibt die Löhne. „Hunderttausende persönliche Konjunkturprogramme“ konstatiert Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP). Der Konsum soll vor allem 2011 der Motor der Wirtschaft sein. Aufschläge bei der Bezahlung wünscht sich auch die Kanzlerin. Wenn etwa Siemens Züge ins Ausland verkauft, muss es schließlich jemanden geben, der sich die Tickets für einen London-Trip leisten kann.

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