• Deutsche Wirtschaft im Stimmungstief Perspektiven für das neue Jahr werden so pessimistisch wie seit zehn Jahren nicht mehr beurteilt

Wirtschaft : Deutsche Wirtschaft im Stimmungstief Perspektiven für das neue Jahr werden so pessimistisch wie seit zehn Jahren nicht mehr beurteilt

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Berlin (mot/dpa). Die Stimmung in der deutschen Wirtschaft ist so schlecht wie seit zehn Jahren nicht mehr. Die große Mehrheit der Branchen rechnet im Jahr 2003 mit sinkenden oder stagnierenden Produktions und Umsatzzahlen. Dies ergab die am Freitag veröffentlichte alljährliche Umfrage des arbeitgebernahen Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) bei 44 Wirtschaftsverbänden. Kein einziger Wirtschaftszweig will nach IW-Angaben im kommenden Jahr Personal einstellen, mehr als die Hälfte der Branchen muss seine Investitionen reduzieren.

„Selten hat die Wirtschaft so pessimistisch ins neue Jahr geblickt wie diesmal“, kommentierte IW-Direktor Gerhard Fels die Umfrageergebnisse. Die Perspektiven für 2003 würden so ungünstig eingeschätzt „wie zuletzt zu Beginn der Rezession 1992/93“. Als Ursachen für die Katerstimmung in den Unternehmen macht Fels die „konjunkturschädlichen Weichenstellungen der rot-grünen Bundesregierung sowie die zu hohen Abschlüsse der Tarifrunde 2002“ aus.

Etwas zuversichtlicher als der Durchschnitt sind nur die Chemische Industrie, die Wirtschaftsvereinigung Stahl sowie der Bereich Feinmechanik und Optik. Diese Branchen hätten im zu Ende gehenden Jahr ihren konjunkturellen Tiefpunkt bereits erreicht und hofften nun, dass die übrige Wirtschaft sich erhole und verstärkt Vorprodukte nachfrage, erklärt das IW. Einen allgemeinen Aufwärtstrend sagen die meisten Branchen allerdings erst für die zweite Jahreshälfte voraus.

Entsprechend vorsichtig haben die Unternehmen ihre Personal- und Investitionspläne für 2003 aufgestellt. 38 von 44 Branchen kündigen an, im kommenden Jahr weitere Stellen zu streichen. 16 Branchen können ihr Investitionsniveau halten, 26 müssen bei der Anschaffung von Maschinen, Anlagen und Bauten kürzen. Dies sei „vor allem auf die kräftig angehobenen Löhne und die steigenden Lohnzusatzkosten zurückzuführen“, schreibt das IW. Zusammen mit der höheren Steuerlast habe sich so die internationale Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft abermals verschlechtert. Erweiterungsinvestitionen am Standort Deutschland, die Arbeit schaffen könnten, sind nach IW-Angaben nicht in Sicht. Im Gegenteil: Die Unternehmen versuchten mit Arbeit sparenden Rationalisierungen ihr Handicap loszuwerden und zögen wieder häufiger die Möglichkeit in Betracht, die Produktion ins kostengünstige Ausland zu verlagern.

Wie erwartet beschreiben vor allem das mittelständisch geprägte Handwerk, das Baugewerbe und der Einzelhandel ihre Lage besonders pessimistisch. Steuer- und Abgabenerhöhung, schlechtere Abschreibungsmodalitäten und die gekürzte Eigenheimzulage wirken sich hier dem IW zufolge besonders negativ aus. Auch im Tourismus und in der Gastronomie habe sich die Stimmung merklich verschlechtert. Zur Überraschung des Instituts fallen aber auch die großen exportstarken Industriebranchen zurück. So erwartet die Autoindustrie etwa 2003 nur gleichbleibende Umsatz- und Produktionszahlen, der Groß- und Außenhandel rechnet mit einer sinkenden Leistung.

Um die Stimmung zu drehen und der Wirtschaft Wachstumsanreize zu geben, müsste die Regierung nach Meinung von IW-Chef Fels „dringend bemüht sein, eine glaubwürdige Reformperspektive für die Wirtschafts- und Sozialpolitik zu entwickeln“.

Auch der Wirtschaftsweise und Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, Horst Siebert, forderte am Freitag für 2003 ein „Jahr der strukturellen Modernisierung Deutschlands“. In einem Ausblick für das kommende Jahr beklagt Siebert, dass die Systeme für soziale Sicherung und für den Arbeitsmarkt nicht mehr funktionierten. Um das Schicksal Japans mit einer verlorenen Dekade zu vermeiden, seien gravierende Änderungen notwendig.

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