Wirtschaft : Deutsche Wirtschaft ist chronisch krank

Ifo-Institut rechnet auch langfristig nur mit 1,1 Prozent Wachstum / Zahl der Erwerbstätigen 2004 gestiegen

Anselm Waldermann

Berlin - Die deutsche Wirtschaft kann auch langfristig mit keiner Belebung rechnen. Das Trendwachstum liege derzeit nur bei 1,1 Prozent pro Jahr, teilte das Münchner Ifo-Institut am Montag mit. „In der jetzigen Situation müssen wir uns von der Vorstellung verabschieden, Wachstumsraten von drei oder gar vier Prozent erreichen zu können“, sagte der Konjunkturexperte des Ifo-Instituts, Gebhard Flaig. „Wir müssen uns klar machen, dass bereits ein Wachstum von etwas mehr als einem Prozent ein Aufschwung ist.“

In den 50er Jahren hatte das durchschnittliche Trendwachstum pro Jahr noch knapp neun Prozent betragen. Seitdem ist es jedoch schrittweise gesunken. So lag das langfristige Wachstum in den 70er und 80er Jahren nur noch bei 2,5 Prozent. Den weiteren Rückgang auf nun 1,1 Prozent führt Experte Flaig auf tiefgreifende Strukturprobleme zurück. Die Herausforderungen an die Wirtschafts- und Sozialpolitik seien damit noch viel größer, als bisher angenommen.

Vor allem der Baubranche steht laut Ifo noch eine lange Durststrecke bevor: Ihr Umsatz werde bis 2014 um durchschnittlich nicht einmal ein Prozent jährlich wachsen, erklärten die Wissenschaftler. Nur der Wirtschaftsbau und der Straßenbau könnten stärker zulegen.

Im internationalen Vergleich wird die chronische Schwäche der deutschen Wirtschaft besonders deutlich: So kommen die USA laut Ifo derzeit auf ein Trendwachstum von 3,1 Prozent; in Großbritannien sind es immerhin 2,6 und in Japan 2,4 Prozent.

Zwar hat sich das Geschäftsklima in der gesamten Europäischen Union verschlechtert; so sank der Economic Sentimet Indicator (ESI) im Februar gegenüber dem Vormonat um einen Punkt auf 102,1 Punkte. Allerdings ist die Stimmung in Deutschland besonders düster: Hier zu Lande sank der Index um drei auf 95,5 Punkte. Auch der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Lage wartete am Montag mit wenig erfreulichen Zahlen auf: Die Fünf Weisen senkten ihre Wachstumsprognose für 2005 von 1,4 auf 1,0 Prozent.

Positive Zahlen vermeldete am Montag hingegen das Statistische Bundesamt: Demnach ist die Zahl der Erwerbstätigen 2004 stärker gestiegen als angenommen. Insgesamt hatten im vergangenen Jahr 38,9 Millionen Menschen ihren Arbeitsplatz in Deutschland – ein Prozent mehr als bislang geschätzt. Im Vergleich zum Jahr 2003 hat sich die Zahl der Arbeitsplätze damit um 0,4 Prozent und nicht wie zuvor gemeldet um 0,3 Prozent erhöht. Allerdings stieg gleichzeitig auch die Arbeitslosenzahl: Nach Informationen des Tagesspiegel waren im Februar 5,22 Millionen Menschen ohne Job.

Experten führen den Anstieg der Beschäftigtenzahlen jedoch nicht auf eine generelle Belebung am Arbeitsmarkt zurück: „Nur die Zahl der Ich-AGs, Minijobs und Ein-Euro-Jobs ist gestiegen“, sagte der Arbeitsmarktexperte Eric Thode von der Bertelsmannstiftung dem Tagesspiegel. „Die Zahl der voll sozialversicherungspflichtig Beschäftigten hingegen ist gegenüber 2003 um 300000 gesunken.“ Vor allem Männer seien Verlierer dieser Entwicklung, die Zahl der erwerbstätigen Frauen nehme dagegen zu.

Einer Umfrage der Nachrichtenagentur ddp zufolge haben die Deutschen derzeit wieder mehr Angst um ihren Arbeitsplatz. So glauben nur noch 38 Prozent, ihr Arbeitsplatz sei sicher, im Januar waren es noch 39, im Dezember sogar 40 Prozent.

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