Wirtschaft : Deutsche Wirtschaft läuft rund

Während Europa insgesamt in der Rezession steckt, wächst Deutschland dank starker Exporte und lebhafter Nachfrage im Inland.

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Made in Germany. Produkte aus deutscher Fertigung sind im In- und Ausland gefragt - zum Beispiel Waschmaschinen von Miele, die unter anderem in Gütersloh produziert werden. Foto: dapd
Made in Germany. Produkte aus deutscher Fertigung sind im In- und Ausland gefragt - zum Beispiel Waschmaschinen von Miele, die...Foto: dapd

Berlin - Es könnte die letzte gute Nachricht aus der heimischen Wirtschaft für längere Zeit sein: Das deutsche Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist im zweiten Quartal stärker als erwartet gestiegen (plus 0,3 Prozent) – gegen den negativen Trend in der Europäischen Union und im EuroRaum (jeweils minus 0,2 Prozent). Aber auch Deutschland kann sich den Folgen der Schuldenkrise nicht entziehen. Das Wachstum dürfte sich nach Einschätzung von Volkswirten im zweiten Halbjahr abschwächen, auch ein Abrutschen in die Rezession ist nicht ausgeschlossen. Unter den Akteuren am Finanzmarkt wächst der Pessimismus. Das ZEW-Barometer für die Entwicklung der deutschen Wirtschaft in den kommenden sechs Monaten sank im August überraschend um 5,9 Punkte und steht nun bei minus 25,5 Zählern.

Anleger vertrauen einstweilen deutschen Aktien. Der Dax stieg am Dienstag zeitweise auf 6994 Zähler, am Ende lag das Plus noch bei 0,9 Prozent auf 6974 Punkte. Auch der Euro legte weiter zu und kostete zuletzt 1,2328 Dollar. Das zweite Quartal war in Deutschland etwas besser ausgefallen als von Ökonomen erwartet. Sie hatten mit einem preis-, saison- und kalenderbereinigten Plus von nur 0,2 Prozent gerechnet. Zu Jahresbeginn hatte die Wirtschaft noch um 0,5 Prozent zugelegt.

Vor allem dank des starken Exports und der anhaltenden Binnennachfrage entwickelte sich die deutsche Wirtschaft von April bis Juni stabiler als gedacht. Hier machten sich die steigenden Einkommen, die niedrige Arbeitslosigkeit und die moderate Inflation bemerkbar. Während in der Euro-Zone eine Rezession unvermeidbar sei, stehe die deutsche Wirtschaft wie ein „Fels in der Brandung“, kommentierten die Volkswirte von HSBC die Zahlen.

Im übrigen Europa konnte vor allem Frankreich positiv überraschen. Die französische Wirtschaft stagnierte gegenüber dem Vorquartal. Die meisten Volkswirte hatten einen Rückgang vorausgesagt. In den 17 Euro-Ländern ging es insgesamt nach einer Stagnation in den ersten drei Monaten um 0,2 Prozent abwärts. Das teilte die europäische Statistikbehörde Eurostat in Luxemburg in einer ersten Schätzung mit. Damit steckt die Euro-Zone in einer Rezession fest. Davon spricht man, wenn die Wirtschaftsleistung zwei Quartale nacheinander entweder unverändert bleibt oder abnimmt. Auch im Schlussquartal 2011 hatte es mit 0,3 Prozent ein Minus im Vergleich zu den drei Monaten davor gegeben – der erste Rückschlag seit 2009.

„Das Halbjahresergebnis der Deutschland AG kann sich sehen lassen“, sagte Anton Börner, Präsident des Bundesverbandes Großhandel, Außenhandel, Dienstleistungen. Die globalen Wachstumstrends seien trotz Abkühlung nach wie vor intakt. „Die deutsche Wirtschaft ist auf den Weltmärkten gut aufgestellt und hat gute Chancen, auch in der zweiten Jahreshälfte weiter zu wachsen“, sagte Börner. Einbußen im Süden Europas kompensiere die deutsche Exportwirtschaft in Asien und in den USA.

Für 75 Prozent der Exportüberschüsse steht nach eigenen Angaben die deutsche Metall- und Elektroindustrie (M+E). Sie sieht sich durch den gesamtwirtschaftlichen Trend bestätigt. Die jüngsten Zahlen zur M+E-Produktion hatten für das zweite Quartal ein Minus von 1,6 Prozent im Vergleich zum ersten Quartal gezeigt. „Das ist eine leichte Abkühlung, aber kein Vorbote einer Rezession“, sagte Gesamtmetall- Chefvolkswirt Michael Stahl. Die größte deutsche Branche hat im zweiten Quartal 1,9 Prozent mehr Aufträge erhalten.

Doch in die positive Bilanz des ersten Halbjahres mischen sich viele warnende Töne: Alles in allem bestehe aus heutiger Sicht zwar keine akute Rezessionsgefahr in Deutschland, sagte Gustav Horn, Direktor des gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK). Es fehle aber nicht mehr viel „zu einem Anstieg in eine höhere Warnstufe“, fügte Horn mit Blick auf den IMK-Konjunkturindikator hinzu. Dessen Werte deuten auf eine zunehmende Unsicherheit hin. Auch Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) blieb vorsichtig: „Vor dem Hintergrund des schwierigeren europäischen und weltwirtschaftlichen Umfelds bleibt es wichtig, Wachstumsimpulse zu setzen und die Wettbewerbsfähigkeit zu stärken“, sagte er.

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