Deutsche Wirtschaft und Japan : Banger Blick nach Osten

Deutsche Hersteller sind auf Teile und Vorprodukte aus Japan angewiesen – viele Lieferketten sind gestört oder abgerissen.

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Trübe Aussichten. Mehr als drei Viertel aller Objektive für Foto- und Filmkameras, die in Deutschland verkauft werden, kommen aus Japan. Foto: picture-alliance/dpa
Trübe Aussichten. Mehr als drei Viertel aller Objektive für Foto- und Filmkameras, die in Deutschland verkauft werden, kommen aus...Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb

Berlin - Für professionelle Fotografen könnte es bald schwierig werden, Ersatzteile zu beschaffen. „In zwei bis drei Wochen werden wir Lieferschwierigkeiten haben“, sagt Martin Beck vom Berliner Fachgeschäft „Need More Pixel“, das Foto- und Druckerartikel, Software, Monitore und Zubehör verkauft. „Nikon und Canon haben mitgeteilt, dass in den japanischen Werken erst in drei bis vier Wochen wieder produziert werden kann“, sagt Beck. Besonders in der stark von Erdbeben, Tsunami und Atom-Katastrophe betroffenen Region um die Hafenstadt Sendai befinden sich viele Fertigungsstätten – etwa von Nikon –, in denen hochwertige Produkte für die Fotoindustrie hergestellt werden. „In Sendai darf kein Schiff mehr anlegen – die Lieferkette ist unterbrochen“, sagt Fotohändler Beck.

Mehr als drei Viertel aller Objektive für Foto- und Filmkameras, die in Deutschland verkauft werden, kommen aus Japan. Nach einer Prognos-Studie sind es bei Blitzgeräten knapp 40 Prozent. Größenordnungen von 75 Prozent und mehr gelten für Mikrofilme. „Dies fällt bei einer makroökonomischen Betrachtung unter den Tisch, kann aber für Unternehmen, die diese Güter beziehen, zu akuten Problemen in ihrer Produktion führen“, sagt Kai Gramke von Prognos.

Auch jedes dritte hierzulande verkaufte Klavier oder Motorrad kommt aus Japan. „Im Konsumgüterbereich ist unsere Abhängigkeit von Japan überdurchschnittlich“, sagt Gramke. Bei Vorleistungen im Gesamtvolumen von 16 Milliarden Euro, die Deutschland aus Japan bezieht, fallen diese Produkte nicht besonders ins Gewicht. Doch für die Verbraucher wird hier am ehesten spürbar, dass etwas nicht stimmt im globalen Handel.

Nervös geworden sind aber auch viele Unternehmen. Die industrielle Wertschöpfungskette ist seit dem Erdbeben gestört oder abgerissen. „Betroffen sind insbesondere die Branchen Automotive, IT und Elektrotechnik/Elektronik“, erklärt der Bundesverband Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik (BME). „Alle großen Kfz-Hersteller und Zulieferer haben bereits Krisenstäbe eingerichtet.“

So auch Continental. „Eine erste Analyse hat ergeben, dass es vor allem bei Halbleitern zu Engpässen kommt“, sagte ein Sprecherin dem Tagesspiegel. Für welche Komponenten die Mikrochips aus Japan gebraucht werden, verrät sie nicht. „Es gibt ein Krisenteam, das die Auswirkungen auf die Produktion im Auge behält.“ Unbeantwortet bleibt auch die Frage, ob die Conti-Beteiligung am japanischen Lithium-Ionen-Hersteller Enax von der Katastrophe betroffen ist. Der Wettbewerb der Autohersteller und -zulieferer ist hart – und die Abhängigkeit von Japan offenbar groß.

Bei Opel fallen am Montag und Dienstag im Werk Eisenach je zwei Schichten aus. Im spanischen Werk Saragossa muss noch länger pausiert werden. In beiden Werken wird der Corsa produziert, für den ein Elektronikbauteil eines japanischen Zulieferers fehlt. Auch VW schließt Lieferprobleme bei Getrieben in den kommenden Wochen nicht aus. Erstaunlich hoch ist insgesamt der Anteil der Motorenlieferung aus Japan: Auf Platz eins der zehn Vorleistungsgüter mit der höchsten Abhängigkeit von Japan (85 Prozent) weist Prognos für Deutschland „Hubkolbenmotoren mit Fremdzündung“ aus.

Hersteller, die Stahl, Elektro- und Elektronikteile oder Fahrwerksteile wie Federn von japanischen Herstellern bezogen haben, müssten umgehend andere Quellen im Großraum Asien aktivieren, rät der BME. „Das geht allerdings nicht von heute auf morgen. In der Heimat muss umgedacht werden.“

Nach Angaben des Zentralverbands Elektrotechnik- und Elektronikindustrie (ZVEI) machen die deutschen Elektroeinfuhren aus Japan zwar nur sechs Prozent der gesamtdeutschen Elektroimporte aus – sie haben aber immerhin einen Wert von acht Milliarden Euro. Japan ist hinter China und den USA der drittwichtigste Lieferant für den deutschen Markt, vor allem für elektronische Bauelemente, „die einen zentralen Platz in der Wertschöpfungskette einnehmen“, wie der ZVEI erklärt. Das Erdbeben und der Tsunami in Japan könnten zu einer „signifikanten Verknappung bei bestimmten elektronischen Komponenten führen, mit der Folge, dass die Preise dafür dramatisch steigen“, warnten die Analysten von IHS iSuppli.

Die Folge: Auch Notebooks, Fernseher oder Smartphones, in denen Flash- oder Arbeitsspeicher, Mikrocontroller oder LCD-Materialien verbaut werden, könnten teurer werden. Und dies nicht nur bei Produkten aus japanischer Herstellung. Da Japan zum Beispiel mit einem Marktanteil von rund 60 Prozent auch der weltgrößte Hersteller von sogenannten Silizium-Wafern ist, könnten auch Halbleiter-Produktionsstätten außerhalb des Landes von der Entwicklung betroffen sein, warnte IHS iSuppli.

„Die Unternehmen bemühen sich, die Fertigung wieder in Gang zu bringen“, versuchte sich August-Wilhelm Scheer, Präsident des Hightech-Verbands Bitkom, diese Woche mit einer Beschwichtigung. Autohersteller, IT-Firmen und Elektronikimporteure hoffen, dass die Bemühungen erfolgreicher sind als das Krisenmanagement im Atomkraftwerk Fukushima.

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