Wirtschaft : Deutsche Wirtschaft wächst wieder

Bruttoinlandsprodukt stieg 2004 um 1,7 Prozent / Doch auf dem Arbeitsmarkt dürfte die Erholung noch auf sich warten lassen

Carsten Brönstrup,Moritz Döbler

Berlin - Die deutsche Wirtschaft ist wieder auf Wachstumskurs. Das Bruttoinlandsprodukt ist nach Informationen des Tagesspiegel im vergangenen Jahr um 1,7 Prozent gewachsen und hat damit im vierten Quartal deutlich aufgeholt. Die Daten, die am Donnerstag veröffentlicht werden, liegen damit nur knapp unter der Prognose der Bundesregierung, die zuletzt 1,8 Prozent erwartet hatte.

Die Bundesregierung rechnet für das laufende Jahr mit einem Wachstum von erneut 1,7 Prozent, was auf Grund der geringeren Zahl von Arbeitstagen sogar eine verstärkte konjunkturellen Dynamik bedeuten würde.

Doch Experten aus Instituten und Banken sind skeptischer. Ungewiss ist vor allem, ob die zuletzt angezogene Binnennachfrage den voraussichtlich in diesem Jahr schwächer ausfallenden Export ausgleichen kann.

Seit Mitte der 90er Jahre verzeichnet die deutsche Wirtschaft nur geringe Wachstumsraten von bis zu zwei Prozent. Die Ausnahme war das Jahr 2000, als die Wirtschaft im Zuge des New-Economy-Booms um 2,9 Prozent zulegte. Der Arbeitsmarkt ist mit der beständigen Massenerwerbslosigkeit ein Spiegel dieser Probleme, auch die Kassen von Staat und Sozialversicherungen leiden unter der jahrelangen Stagnation.

Mit der Wachstumszahl von 1,7 Prozent für das Gesamtjahr 2004 ist klar, dass das überraschend schwache dritte Quartal mit lediglich 0,1 Prozent Wachstum nur eine leichte Delle war. Die neuen Daten bestätigen die guten Exportzahlen der jüngsten Zeit sowie die größere Zuversicht der Unternehmen, wie sie der Ifo-Geschäftsklimaindex belegt.

Um die Arbeitslosigkeit spürbar abzubauen, wäre ein längerfristiges Wachstum von mehr als zwei Prozent pro Jahr nötig, schätzen Konjunkturforscher. Doch zusätzliche Beschäftigung ist in den vergangenen Monaten allein aufgrund neuer Mini-Jobs entstanden. Auch 2005 dürfte es so kommen – die Wachstumsvorhersagen von Banken und Instituten pendeln um 1,4 Prozent. „Obwohl der Rest der Welt wächst wie seit einem Vierteljahrhundert nicht mehr, kommt Deutschland nicht voran“, sagte Gebhard Flaig, Konjunkturchef des Ifo-Instituts, dem Tagesspiegel. „Viel mehr als rund ein Prozent sind in der nächsten Zeit nicht drin.“

Auch für Carsten-Patrick Meier vom Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) wäre ein stärkerer Zuwachs "Glückssache", die nur mit Sonderfaktoren zu erreichen sein dürfte.

Immerhin war 2004 positiver als befürchtet. „Die Binnenwirtschaft dürfte einen positiven Beitrag geleistet haben, der sich aus den Ausrüstungsinvestitionen und dem Lageraufbau ergeben sollte“, sagte Stefan Bielmeier, Volkswirt bei der Deutschen Bank. Der private Konsum habe dagegen wahrscheinlich negativ zu Buche geschlagen. Ralph Solveen von der Commerzbank schätzt, dass der außenhandel ungefähr einen knappen Prozentpunkt beigesteuert haben dürfte.

Welche Ursachen die Wachstumsschwäche hat, ist unter den Forschern umstritten. Noch am ehesten können sie sich auf die Belastungen im Zuge der deutschen Einheit einigen. „Die Milliardentransfers in den Osten und die Misere der Bauwirtschaft hemmen das Wachstum seit Jahren“, sagte Thomas Hueck, Leiter Volkwirtschaft bei der Hypo-Vereinsbank, dem Tagesspiegel. „Es fehlt an Dynamik, weil die Unternehmen seit Jahren zu wenig investierten“, findet dagegen Ifo-Fachmann Flaig.

Konjunkturexperte Meier vom IfW verweist auf eine zu schwache Produktivität. „Dafür könnten eine schlechtere Bildung, weniger technischer Fortschritt oder bereits die Alterung der Gesellschaft verantwortlich sein“, sagte er. „Bis Ende des Jahrzehnts wird sich an dem geringen Trendwachstum vermutlich nichts ändern.“

Punktgenau hat das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung das Wachstum 2004 am Mittwoch auf 1,7 Prozent beziffert und damit seine Prognose vor den offiziellen Daten nach unten korrigiert.

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